„Jetzt weiß ich, warum ich einen Psychotherapeuten brauche.
Ich brauche jemanden, der mir sagt, was ich weiß, damit ich es glauben kann.“
Patienten-Weisheit
„Jetzt weiß ich, warum ich einen Psychotherapeuten brauche.
Ich brauche jemanden, der mir sagt, was ich weiß, damit ich es glauben kann.“
Patienten-Weisheit
„Es muss sich alles ändern.“ „Das kann keinesfalls so weitergehen.“ „Das muss jetzt endlich aufhören.“ So oder ähnlich formulieren Klienten zuweilen ihren Selbstanspruch an Veränderung, oft aus einem Affekt der Wut, der Angst oder einer Abscheu heraus. Die Motivation für ein Reset ist groß und doch wird allzu oft versäumt zu berücksichtigen, wie stabil eigene Routinen, Überzeugungen, Chiffren und Praktiken sind, die den Menschen eben auch zu einem Gewohnheitstier machen.
Eskalieren wir weiter und belassen es nicht nur bei einem Stress-Affekt, der entsteht, wenn einmal so richtig der Kaffee überläuft. Kommen wir an bei einem ‚krassen‘ Trigger. Einem Auslöser für einen Impuls, dem man nicht mehr ausweichen kann. Der einen vor die Wahl stellt – entweder wachsen oder untergehen. Mit großem Unbehagen fühlt der Mensch, dass es jetzt um etwas geht, das mehr ist als es seine Resilienz erlaubt. Er weiß, dass Nichtstun keine Alternative ist, dass die Suche nach Verantwortlichen (um nicht gleich von Schuldigen zu sprechen) auch nichts bringt und andere einem die Last des Triggers nicht abnehmen. Weil es bei diesem Trigger um die Verletzung eines eigenen Wertes geht, eines Selbstwertes, eines Lebenswertes. Wenn ein solcher wesentlicher Wert verletzt wird, wird der Mensch aufgerufen, zu dieser Verletzung Stellung zu beziehen. In diesem Moment muss jegliche Selbstlimitierung verworfen werden – Limitierungen, die einem die eigene Psyche immerfort anbietet. Geht ein Mensch in einem solchen Moment nicht über seine psychischen Limitierungen heraus, dann – so meine These – verfehlt er sich. Dann hat der Trigger das Ruder übernommen und damit teilweise die Kontrolle über das Leben der Person.
Die Wirkung des Triggers verspürt ein Mensch in seiner Psyche. ‚Psyche‘ ist die Adresse für alle Formen eines Abwehrmechanismus, mit dem sie einen Menschen zu schützen versucht. Als Schutzmacht kontrolliert sie das weitere Vorgehen: fliehen, kämpfen oder erdulden. Indem der Mensch sich in einer dieser Weisen verhält, unterwirft er sich gleichsam seiner Psyche und wird von ihrer individuell spezifischen Verfasstheit abhängig. Mit dieser Abhängigkeit kontrolliert nun der Mensch quasi seine eigene Psyche, indem er sie beauftragt, ihn immer wieder – vielleicht sogar auch immer stärker – in der ‚bewährten‘ Weise zu schützen.
Diese seltsame, musterhafte Dialektik (die Psyche kontrolliert die Person, die Person kontrolliert die Psyche usw.) aufzubrechen, ist die Aufgabe des Geistes als dritte Dimension neben der menschlichen Physis und Psyche. Mit dem Geistigen steht der psychischen Dimension quasi ihr Musterbrecher gegenüber. Das Geistige ist nicht Schutzmacht der Person, vielmehr ihre Trotzmacht. Trotz begrenzter Ressourcen und trotz psychischer Limitierungen, die dazu führen, dass die Psyche der Person ‚einredet‘, auf einen Trigger mit einer genannten Reaktionsweisen zu ‚antworten‘, steht stets die geistige Dimension der Person dafür zur Verfügung, ‚andere Sätze‘ dafür zu finden, wie sie mit dem Einfluss des Triggers umgehen kann.
Die Besonderheit ‚geistiger‘ Sätze besteht in ihrem Fokus auf Transzendenz des Selbst. Im Unterschied dazu kann man die Besonderheit ‚psychischer‘ Sätze darin sehen, dass sie zu einer Art Transformation des Selbst aufrufen. Mit jeder Flucht, jeder Vermeidung, jedem Angriff, jeder Leugnung, jeder Erduldung mehr, transformiert sich das Selbst-Verständnis eines Menschen immer stärker in Richtung eines dysfunktionalen Verhaltens im Kontext eines wahrgenommenen Triggers. Am Ende steht da ein Mensch, der sagt „ich kann nicht anders“. Das Leben nach einem Trigger wird so für einen Menschen zur Dauerflucht, zu einem Dauerkampf oder einer Dauererduldung. Und damit zu einem Dauerstress.
Dass derart gestressten Menschen viele Hilfsmittel zur Verfügung stehen, diesem Stress mindernd entgegenzuwirken, ist – so meine Vermutung – jedem Leser bereits bewusst. Es ist ein riesiger Markt, und vieles in diesem Markt leistet wirkungsvoll Ent-Lastung. Dennoch bleibt die Psyche eines Menschen ein Wahrscheinlichkeitsraum, in dem Ordnungsmuster oft sehr viel träger vorfindlich sind, als es der Mensch selbst wahrhaben mag. Eine Trägheit, die sich für die Bewältigung alltäglicher Aufgaben durchaus als Stabilisierungsfaktor anbietet, im Kontext eines Triggers aber zu einer Verengung des Möglichkeitsraums führt, der zu Ende gedacht, einen alternativen Umgang mit Triggern verunmöglicht. Das ist tragisch, führt es den Menschen doch zu einer Dauernutzung stressmindernder Hilfsmittel.
Wer sich auf diese Hilfsmittel einlässt, der tut dies aufgrund des eigenen, oftmals aber auch eines fremden Erwartungsmanagements. Man erwartet von der Person, dass sie sich im Griff hat, ihren Aufgaben gerecht wird, sich nicht gehen lässt, sich doch nicht so anstellt und so weiter. Und damit das Level an Erwartung hoch bleibt, wird der Person vermittelt, dass doch jeder Stress habe und jeder mit seinem fertig werden müsse. In dieser Dynamik findet sich sodann der Keim für weitere dauerhafte Gewohnheiten – jetzt aber nicht von der eigenen Psyche ausgehend, sondern als Antwort auf Erwartungen, wie denn mit der eigenen Psyche umzugehen sei. Erfüllt nun der Mensch diese Erwartungen, indem er in die riesige Schublade der Hilfsmittel greift, spart er – vermeintlich – Energie, die er aufwenden müsste, um anstelle permanenter Transformation in die Transzendenz seines Selbst zu gelangen.
Um an den Titel dieses Beitrags zu erinnern: Es kann keineswegs alles anders werden. Will meinen, die Psyche wird durch das Geistige nicht obsolet. Aber der Umgang mit Triggern kann ein anderer sein als ein rein psychischer. Um ins automatische alltägliche Gewohnheitshandeln zu kommen, braucht es kaum Selbsttranszendenz. Dafür reichen Empfindungsfähigkeit, Lebenserfahrung, gesunder Menschenverstand und viele andere kognitive und emotionale Ingredienzien völlig aus. Bei Triggern jedoch, mit ihrem Grad an unvorhersehbarer Unzumutbarkeit, reichen sie nicht aus.
Ein Trigger macht deutlich, was die Bedrohungslage ist. Sie zeigt sich in einer psychischen Überforderung individueller Gewohnheiten. Trigger (Sie können schon einmal überlegen, welche Ihre schon waren oder sein könnten) setzen das, was ein Mensch unter Normalität versteht, außer Kraft. Sie führen zu Kontrollverlust und zu einer Veränderungen in der Selbstkommunikation. Trigger greifen bewährte Werte an und je wesentlicher die angegriffenen Werte sind, umso entwertender wirken Trigger auf den Menschen ein – sofern der oder das, was da triggert, auch trifft.
„Das Einzige, was du mir nicht nehmen kannst, ist die Art und Weise, wie ich auf das, was du mir antust, reagieren will. Die letzte der Freiheiten, die man hat, ist die Wahl der eigenen Haltung unter den gegebenen Umständen.“
Viktor Frankl
Nutzt man einen Vergleich, so findet sich im persönlichen Parlament eine Koalition aus Körper und Psyche und in der Opposition alles, was diese beiden Koalitionäre angreift. Die Koalition sollte ihren Beitrag dafür leisten, die Konflikte, die durch die Opposition eingebracht werden, zweckdienlich und damit gesund aufzugreifen, ihre konstruktiven Anteile zu integrieren und Dysfunktionales herauszufiltern.
Die Präsidentin ist die geistige Dimension. Als per se gesunde, freie und verantwortliche Instanz hält sie die kommunikativen Kanäle in die Lebenswelt der Person offen, erhält ihr damit eine angemessene Spannung und einen Möglichkeitsraum zur Verwirklichung von Werten. Je aufgewühlter die Verfassung des Parlamentes ist, um so schwieriger ist es zuweilen für die Präsidentin, das von ihr wahrgenommene Sinnhafte den Koalitionären zu vermitteln. Dringt sie gar nicht mehr durch, zeigt sich damit die Unerschütterlichkeit der Gewohnheiten im Parlament. Erst, wenn diese Gewohnheiten auch nicht mehr durch Hilfsmittel beibehalten werden können, dann – so scheint es – wird der Weg freier für grundlegende, damit wesentlich wertebewusstere Ausrichtungen der Person. In solcher Situation fragt der Mensch nach dem Existenziellen und sucht nach einer Antwort, die er seinem Leben geben kann und die gleichwohl die Eigendynamiken seiner beiden Koalitionäre einhegt, die womöglich immer noch versuchen, sich mittels Selbstreflexion anzustrengen, doch noch Herr im Haus zu bleiben.
Als Therapeut kenne ich das Phänomen, dass Menschen sich eingedenk ihrer entstandenen Lebenssituation bereits das Hirn zermartert haben, was denn nun die Ursache für die Situation gewesen sei, wer die Schuld dafür habe, warum gerade sie nun betroffen seien, warum Sicherheiten nicht mehr gegriffen haben usw.. Aber – leider – vieles an mühevoller (Selbst-)Reflexion verpufft wirkungslos, die Lage bleibt wie sie ist, der Stress wird giftig und die Sinnsuche beginnt. Und mit dieser Suche beginnt eine Art Zeitenwende. War die Reflexion noch der nicht mehr veränderbaren Vergangenheit gewidmet, steht die Gegenwart bereit für die Suche nach Sinn. Und war die Vergangenheit eine Zeit, in der auch Dinge geschahen, die nicht hätten geschehen sollen-müssen-dürfen …, beginnt mit der Gegenwart eine neue Freiheit, die natürlich die Vergangenheit nicht tilgt, aber zu einer neuen Bewusstheit im Umgang mit dem, was jetzt die Lage ist, beitragen kann.
Und diese Bewusstheit, dass jeder Mensch jederzeit Sinn in seinem Leben finden kann, entsteht durch die Erkenntnis, dass Finden von Sinn eine Bereitschaft bedingt, anders als bisher auf das eigene Leben zu schauen. Dieses Andersschauen können wir auch Selbstdistanzierung nennen. Eine Wendung von der Nabelschau der eigenen Person hin zur Öffnung zu dem, was die Person ihre Welt nennt. Diese offene Weltwahrnehmung funktioniert daher nur durch Wegsehen von der eigenen Person. Ungewöhnlich mag dieser Gedanke sein: je mehr ich von mir wegsehe, um so mehr nehme ich Gestalt in meiner Welt an und je mehr ich zu mir hinsehe, um so mehr sehe ich, welche Gestalt ich bislang noch nicht aus mir geformt habe. Und wieder steht der Markt bereit…
Denn, wer ich noch nicht war, der könnte ich ja noch werden – mit Hilfsmitteln, Optimierungsanstrengungen, Eigenaufträgen und vielem mehr. Und so passt sich Mensch seinem eigenen und-oder fremdem Erwartungsmanagement an und versucht, sich so selbst Sinn zu machen. Leider mit einem fatalen Denkfehler, denn der, der ich noch nicht war, kann ich niemals mehr werden. Der, der ich gerade jetzt noch nicht bin, der kann ich werden. Denn nur jetzt gibt es die Bedingungen für mich, jetzt der zu werden, der ich jetzt noch nicht bin. Die Bedingungen, in denen ich noch nicht der wurde, der ich heute anstrebe zu werden, sind nicht mehr die Bedingungen von jetzt. Ergo, Reflexion führt nicht zur Entwicklung, sondern bestenfalls zur Erkenntnis, jetzt das zu tun, was ich jetzt werden kann. Und zur Erkenntnis, dass, wenn ich das jetzt nicht tue, morgen womöglich gerne der sein würde, der ich gestern hätte werden können – nur, dass sich zwischenzeitlich schon wieder die Bedingungen geändert haben.
Bedingungen, seien es familiäre, gesundheitliche, berufliche, finanzielle oder soziale, führen alltäglich zu einem meist ausreichendem Maß an Routineproblemen. Diese gilt es zu lösen, das ist zweckdienlich und für die menschliche Psyche in aller Regel auch leistbar. Aber darüber sprechen wir ja nicht, sondern über Trigger. Mischen sie sich als unerwünschte Bedingungen zu denen des Alltags hinzu, dann ist die Summe vergleichbar mit einer Schallplatte, die gleichzeitig auf beiden Seiten abgespielt wird. Die eine Seite bringt Musik zu Gehör, die man kennt und gewöhnlich – dank einer positiven Trägheit – auch gerne hört – die Alltagsthemen werden bewältigt. Die Klänge der anderen jedoch belästigen – der Trigger schmerzt. Die Not zu wenden scheint einfach – man wende doch bloß die Platte. Jedoch, auf diese Weise von der Notwendigkeit bereits auf die Möglichkeit zu schließen, muss ein Trugschluss sein. Wäre es so einfach, dann wären die Praxen der Psychotherapie leer. Was also hindert den Menschen auf seinem Weg in die Möglichkeit? (Wieder bietet es sich an, kurz zu verweilen, um Ihnen die Gelegenheit zu geben, sich diese Frage – so sie spannend für Sie ist – einmal vorzulegen und auf die Antwort zu warten, die Ihnen Ihr Innerstes gibt).
Wird eine Person getriggert, dann ergibt sich eine Differenz zwischen ihrer angemessenen und ihrer als bedrohlich empfundenen Lebensweise. Übersteigt die Bedrohung die Angemessenheit, und kann die Bedrohung nicht wirkungsvoll gemindert werden, verliert die Person einerseits zunehmend an Unabhängigkeit und andererseits geraten ihre psychischen Möglichkeiten sukzessive ins Hintertreffen. Wir sprechen dann davon, dass die sogenannte Dekompensationsgrenze der Person nicht mehr unter ein für sie erträgliches Maß fällt. In einem solchen Zustand wünschen sich viele Betroffene, dass etwas derart geschieht, dass alles anders wird. Hauptsache, der Trigger wird abgestellt.
Operativ gesprochen wird Klienten, die über einen Trigger berichten, irgendwann zwar klar, dass sie nur über eine Änderung ihres eigenen Verhaltens sich dem Einfluss des Triggers entledigen können. Meist zeitgleich wird ihnen aber auch klar, dass diese Änderung sich in ihren gegenwärtigen sozialen Bezügen bewähren muss. Hierzu ein Beispiel: Eine 24jährige Frau wird schwanger. Sie berichtet ihrer Mutter davon, diese erzählt es ihrem Mann und der wiederum eröffnet ihr in einem Telefonat, dass er nicht daran glaube, dass sie es schaffe, ihrer Rolle als Mutter gerecht zu werden. Schließlich wäre sie ja noch nie auf eigenen Beinen gestanden. Nach einigen unerfreulichen Gesprächen mit ihrem Vater wird für sie irgendwann klar, dass dieser sich immer schon lieber einen Sohn wünschte und die entstandenen Lebensbedingungen seiner Tochter ihn in seinem Urteil nun bestätigten. Die Beziehung zum Kindsvater sind fragil, die finanziellen Bedingungen erschwert, die junge Frau arbeitet für ihren Lebensunterhalt, doch ihre Schwangerschaft bereitet ihr Zukunftssorgen. Das alles sind für sich bereits anspruchsvolle Problemstellungen, der Trigger aber, sich zum ersten Mal ‚unerwünscht‘ zu fühlen, überfordert die Frau komplett. Ihre bis dahin konstruierte Lebenswelt war bei allen Schwierigkeiten immer noch irgendwie kontinuierlich – nun aber ’schießt‘ sie der Trigger völlig aus der Bahn. Nicht nur wird mit einem mal sichtbar, was die junge Frau mit ihren Anstrengungen alltäglich in der Lage war, wegzumoderieren. Auch wird für sie sichtbar, dass ihre Anstrengungen aus der Sicht ihres Vaters von ihr vollzogen wurden, ohne dabei auf eigenen Beinen zu stehen. „Wäre es doch bloß alles anders und ich wäre ein Mann“, murmelt die werdende Mutter und merkt dabei nicht, wie sie sich in der Vergangenheit ihres Vaters verstrickt.
Trigger versuchen es immer wieder, eine gesunde psychische Trägheit, die erforderlich ist, um eine funktionierende Lebenspraxis sicherzustellen, auf die Probe zu stellen. Trifft ein Trigger auf lebensrelevante Bedingungen, wird er zu einer veritablen Zumutung. Als bloße Meinung geäußert, kann ein Trigger – auch, wenn er verletzend einwirkt – wegmoderiert werden. Dann ist man zwar enttäuscht, traurig oder entsetzt. Ist er aber mehr als Meinung, ist er etwa ein Urteil, dann steht eine existenzielle Frage im Raum: Woran will ich mein Leben messen lassen?
Wenn ein Mensch seinen Werten entsprechend so handelt, dass er sich (einem) Menschen oder Aufgaben hingibt und es dabei schafft, seine alltäglichen Herausforderungen auch in eigener Sache mit hinreichend funktionierenden Arrangements zu bewältigen, dann können wir von einer lebenskompetenten Person sprechen, die sinnorientiert agiert und praktische Problemstellungen im Rahmen der täglichen Routine meistert. Wer so aufgestellt ist, der mag besser gerüstet sein für triggerhafte Einflüsse, so dass aus präventiver Sicht es ein Gebot der Unterstützung ist, Menschen im Auf- und Ausbau ihrer Sinnwahrnehmung und Lebenspraxis zu helfen. Eine solche Unterstützung vermag es, einen personenzentrierten Übergangsprozess im Sinne einer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern, die dazu beiträgt, dass die Person ihre Steuerungsfähigkeit soweit ausbaut, dass auch erfreuliche wie unerfreuliche unerwartete Überraschungen, Zufälle und Unvorhersehbarkeiten von ihr mit ins Kalkül gezogen werden. Einen Übergangsprozess einer zwar fordernden, dennoch aber handhabbaren Transition, die nicht – wie bei einer Transformation – einen Wandel bedeutet, dem sich die menschliche Psyche mit ihrer Widerständigkeit in der Regel ohnehin verschließt. Einen Prozess, an dessen Beginn eine Einstellungsmodulation steht, durch die die Person ihre Bereitschaft aufbaut, sich perspektivenwechselnd einen Lebensentwurf zu erarbeiten, der den Ansprüchen gelingender künftiger Lebensphasen besser gerecht wird. Einen Prozess, dem kleine umsetzende Schritte folgen, die in die konkreten gegenwärtigen Situationen der Person passen. Derart präventive Entwicklungsarbeit lässt Menschen sich an mögliche neue Zukünfte gewöhnen, ohne dass sie derart in Bedrohlichkeit ausarten wie es Trigger in der Lage sind, die auf einen auf sie unvorbereiteten Menschen treffen. Hat man einmal verstanden, dass man von einem Menschen nur verlangen kann, wozu sie durch persönliche, materielle, soziale, strukturelle und finanzielle Bedingungen befähigt sind, dann ist der anfängliche Rahmen für die Entwicklungsarbeit abgesteckt. Denn: Es kann keineswegs alles anders werden.
Sie fragen sich, wie denn nun das Gespräch mit der 24jährigen Frau geführt wurde? In etwa so:
Therapeut: Sie sagen: „Es muss alles anders werden.“ Darf ich Sie fragen, was genau im Moment unerträglich geworden ist?
Frau: Dieses Gefühl, unerwünscht zu sein. Als hätte mein Vater mit einem Satz entschieden, dass ich scheitern werde.
Therapeut: Das klingt nach einem Trigger, der nicht nur schmerzt, sondern einen Ihrer wesentlichen Werte trifft. Ihre Psyche will Sie nun schützen: kämpfen, fliehen oder erdulden. Spüren Sie das?
Frau: Ja. Ich will entweder beweisen, dass er Unrecht hat – oder am liebsten verschwinden. Allemal ist es würdelos, was mir mein Vater gesagt hat.
Therapeut: Beides sind verständliche Antworten Ihrer Psyche, die versucht, Sie vor weiterer Entwertung zu schützen. Doch solange Sie nur reagieren, bleibt das Urteil Ihres Vaters der Maßstab, an dem Sie sich ausrichten.
Frau: Und wie sollte es sonst gehen?
Therapeut: Nicht indem Sie stärker werden, nicht indem Sie sich rechtfertigen und auch nicht, indem Sie verschwinden. Sondern indem Sie innerlich einen Schritt Abstand nehmen zu seinem Urteil und auch zu Ihrem ersten Impuls darauf. In diesem Abstand entsteht etwas Drittes: die Möglichkeit, selbst Stellung zu beziehen.
Frau: Sie meinen, ich müsste entscheiden, ob ich dieses Urteil gelten lasse?
Therapeut: Genau. Nicht widerlegen. Nicht bekämpfen. Sondern entscheiden, ob es definieren darf, wer Sie sind und wofür Sie leben. Mit Ihrer Stellungnahme beginnt Ihre Freiheit. Nicht die Freiheit, dass alles anders wird, sondern die Freiheit, nicht von diesem Urteil bestimmt zu werden. Ihr Vater spricht ein Urteil. Sie müssen es nicht zu Ihrem Maßstab machen.
Frau: Und was bleibt mir dann?
Therapeut: Die Verantwortung für das, was jetzt für Sie Sinn hat. Nicht, wer Sie hätten sein sollen. Sondern, wofür Sie sich heute hingeben wollen – vielleicht Ihrem Kind, vielleicht einer Aufgabe, die größer ist als der Schmerz des väterlichen Triggers.
Frau: Also nicht gegen den Trigger kämpfen oder ihm ausweichen?
Therapeut: Nein. Ihn ernst nehmen, aber ihm nicht das Ruder überlassen. Der Trigger zeigt, wo es um etwas Wesentliches geht. Ihre Antwort darauf entscheidet, wer Sie jetzt werden.
Frau: Dann kann nicht alles anders werden?
Therapeut: Nein. Aber Ihr Umgang damit kann ein anderer sein. Und das genügt, um Sinn zu verwirklichen.
Das Ka
rtentool „Life2Me – Bewusstheit in Krisen“ basiert auf dem von Professor Clare W. Graves entwickelten ‚Graves Value System‘. Eine detaillierte Einführung in dieses System finden Sie in diesem Aufsatz.
Zum Hintergrund des Tools:
1. Wir machen einen Unterschied zwischen ‚Bewusstsein’ und ‚Bewusstheit‘.
Unter ‚Bewusstsein‘ verstehen wir die Gesamtmenge aller Sinnesempfindungen, Gedanken und Emotionen, die einem Menschen in einem bestimmten Zeitraum bewusst sind und über die er aus der Erste-Person-Perspektive berichten kann. Der Zeithorizont des Bewusstseins kann somit die ferne und nahe Vergangenheit sowie die Gegenwart umfassen. Eine bekannte Methode, mit der die Entwicklung des Bewusstseins [z.B. in Zusammenhang mit der Lösung von Problemen] dokumentiert wird, ist die Tagebucharbeit.
Unter ‚Bewusstheit‘ verstehen wir hingegen die individuelle psychische Disposition, die das unmittelbare Wahrnehmen dessen beschreibt, was einen Menschen in eigener Achtsamkeit im Hier und Jetzt bewegt und ihm aktuell gewahr wird, seien es Körperempfindungen, Sinneswahrnehmungen, Gefühle, Fantasien, Denkweisen und Impulse. Der Zeithorizont der Bewusstheit ist somit der aktuelle Moment.
2. Tritt eine Krise ein oder will man sich szenarisch mit einer möglichen Krisensituation auseinandersetzen, dann trifft dieses Ereignis auf die aktuelle psychische Verfassung der betroffenen Person. Die Person geht also mit einer spezifischen Bewusstheit ‚ans Werk‘ und versucht, der Krisensituation mit den Mitteln dieser Bewusstheit Herr zu werden. Das zentrale ‚Mittel‘ der Bewusstheit ist das aktuelle, persönliche ‚Denkschema‘. Soll meinen: Eine Situation tritt ein und der Mensch denkt nach einem ihm eigenen Schema darüber nach, wie sich die Situation wohl gestalten lässt. Man kann somit ‚Bewusstheit‘ auch als Produkt aus ‚Thema‘ und ‚Denkschema‘ verstehen.
3. In problemlosen Situationen vermag ein Mensch, ‚Denkschemata‘ zu nutzen, die passend sind für die Gestaltung der jeweiligen Situation. In einer Krise ist das anders – und der Volksmund sagt dann zum Beispiel: „Ich verstehe die Welt nicht mehr“. In Krisen verfügt ein Mensch nicht hinreichend über das für diese Situation angemessene Denkschema. Kommen aus diesem Grund keine tragfähigen Lösungen zustande, dann führt dies zu einer weiteren Verschärfung der Situation. Haben zudem dann auch andere, vielleicht sogar sehr vertraute Personen ein ähnliches Denkschema wie die betroffene Person und bespricht sich die betroffene Person mit diesen Vertrauten, dann erschwert dies die Lage zusätzlich, da selbst diese wohlgesinnten Menschen keine besseren Impulse zu geben in der Lage sind [„keiner kann mir wirklich helfen“].
4. Rechtzeitig zu reflektieren, mit welchem Denkschema man wohl eine Krisensituation gestalten würde, ist deshalb ein wichtiger präventiver Schritt. Folgt man dabei der Erkenntnis, dass Probleme sich nicht mit derselben Denkweise lösen lassen, durch die sie entstanden sind, dann haben wir einen sehr brauchbaren Schlüssel in der Hand, der die Tür zu einer belastungsärmeren, geschmeidigeren, stressfreieren Gestaltung von Krisensituationen eröffnet. Ein Beispiel dazu: Weiß ich, dass ich bei Belastungen, die mir andere Menschen bereiten, vorrangig als Denkschema den Einsatz von Kontrolle, Strukturen, Absicherungen, Rechtsmittel und anderen ‚Ordnungen‘ erwäge, dann ist dieses Denkschema unbrauchbar, wenn die Belastung eben dadurch entstanden ist, dass die anderen Personen Veränderungen im Kontext ‚Ordnung‘ vorgenommen haben. Will ein Unternehmen beispielsweise einen Mitarbeiter in einen anderen Unternehmensbereich ‚versetzen‘ [eine Ordnung also verändern], dann ist es wenig erfolgversprechend, wenn der Mitarbeiter seinerseits das Denkschema ‚Ordnung‘ [z.B. durch das Beharren auf arbeitsrechtlichen Vereinbarungen] nutzt, um die entstehende, belastende Problematik zu behandeln.
5. Der Kartensatz ‚Life2Me – Bewusstheit in Krisen‘ ermöglicht es Ihnen, in Ruhe auf Situationen zu schauen, die Sie als erhebliche psychische Belastung erleben würden, träten sie ein. Für die sieben Bewusstheitsebenen, die Graves erforscht hat und die mit den Farben Purpur – Rot – Blau – Orange – Grün – Gelb – Türkis benannt werden, haben wir jeweils 15 Aussagen formuliert, die diesen Ebenen entsprechen. Mit drei Gewichtungskarten können Sie entscheiden, inwieweit Sie der jeweiligen Aussage zustimmen würden, träfe ein Ereignis ein, das Sie vorab als potenzielle Krisensituation definiert haben. Aussagen, denen Sie gar nicht zustimmen, legen Sie beiseite, die restlichen zu den Karten mit den Gewichtungsfaktoren. Sind alle Karten zugeordnet, dann ermitteln Sie durch Multiplikation [Anzahl der Karten einer Farbe x Gewichtungsfaktor] die Gesamtstärke der sieben Bewusstheitsebenen im Kontext des Krisenszenarios.
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Vor kurzem starb Jürgen Habermas. Und mit ihm eine Ära hochgeistiger Auseinandersetzung mit den Themen der Zeit. Vor einem Vierteljahrhundert befasste er sich in seinem Beitrag ‚Glaube und Wissen‘ mit dem Verhältnis von Religion und moderner, säkularer Vernunft. Habermas fragte, wie religiöse Überzeugungen und wissenschaftlich-rationales Denken in modernen Gesellschaften zusammenleben können.
Auch in Gesellschaften, die stark von Wissenschaft, Rationalität und Technik geprägt sind, ist die Religion dennoch nicht einfach verschwunden. Habermas nennt solche Gesellschaften daher ‚postsäkular‘. Religion bleibt gesellschaftlich relevant und religiöse Gemeinschaften wirken weiterhin auf Moral, Politik und Kultur ein. Und damit auch auf die Spannung zwischen Wissen und Glauben.
Während Wissen auf wissenschaftlicher Rationalität basiert, prüfbar und argumentativ begründet ist, beruht der Glaube auf religiösen Überlieferungen und Offenbarung mit dem Zweck, moralische Orientierung zu geben und eine Aspekt von Identität zu stiften.
Habermas lehnte sowohl reinen Säkularismus als auch religiösen Fundamentalismus ab. Er plädierte, religiöse Menschen sollten ihre Argumente in einer Weise formulieren, die auch Nicht-Religiöse verstehen können. Und säkular sozialisierte Menschen sollten Religion nicht einfach als irrational abtun, sondern anerkennen, dass religiöse Traditionen für Menschen moralische Ressourcen enthalten können. Er betonte, dass viele moralische Ideen der Moderne wie die Menschenwürde oder die Solidarität historisch aus der Religion stammen und bis heute ethische Orientierung liefern.
Interessant wurden für mich die Gedanken von Habermas im Kontext der Sinntheorie von Viktor Frankl. Vermutlich würde Habermas ähnlich wie Frankl in unserer hoch rationalisierten Gesellschaft, die von Wissenschaft, Technik und Marktlogik geprägt ist, den Befund schreiben, dass viele Menschen trotz aller Errungenschaften eine Art Sinnleere in sich spüren. Er würde dann wohl darauf abheben, dass in einer modernen Gesellschaft Sinn vor allem durch kommunikative Verständigung, Dialog und gemeinsame Normen entsteht.
Für Frankl wäre das wohl zu wenig. Er würde auf das aus seiner Sicht grundlegende Bedürfnis des einzelnen Menschen, seinen Willen zum Sinn, verweisen. Jeder Mensch muss letztlich selbst entdecken, wofür er lebt – sei es durch Arbeit, Liebe oder durch die Haltung zu einem Leid.
Habermas könnte dem leicht widersprechen und darauf abstellen, dass in pluralistischen Gesellschaften individuelle Sinnkonzepte auseinanderdriften können und es darum eine öffentliche Vernunft brauche, in der Menschen ihre Überzeugungen austauschen und begründen.
Womöglich würde sich Frankl hier auch nicht entgegenstellen, sondern individuelle Sinnsuche und gesellschaftliche Kommunikation als sich ergänzend darstellen. Der Kern der Sinntheorie hielte diesen Gedanken auch aus, denn Sinn kann nicht einfach erfunden oder beschlossen werden. Er wird entdeckt, oft im konkreten Handeln oder in der Verantwortung gegenüber anderen Menschen. Und hierfür kann die gesellschaftliche Kommunikation eine wichtige Sinnquelle sein – ebenso, wie auch religiöse Traditionen moralische Ressourcen enthalten können, die für viele Menschen einen Sinngehalt darstellen. Nur – würde Habermas wohl ergänzen – wäre es wichtig, dass diese Traditionen im öffentlichen Diskurs übersetzbar bleiben.
Ich schätze, dass Frankl trotz tendenzieller Zustimmung zu Habermas aber dazu anregen würde, Sinn und Religion grundsätzlich auseinanderzuhalten. Er würde darauf verweisen, dass Menschen Sinn finden können, wenn sie – jenseits allen Religiösen – fühlend erkennen, dass ihr Handeln für andere Bedeutung hat. Sicher würde er ergänzen, dass nicht das Leben, auch nicht das religiöse, vom Menschen zur Verantwortung gezogen werden kann, sondern dass es geradewegs andersherum ist: Das Leben stellt dem Menschen Fragen, und der Mensch verantwortet durch sein Handeln seine Antwort und Stellungnahme seinem Leben gegenüber.
Als Synthese beider Theorieaspekte könnte man es so formulieren: Wenn Menschen Verantwortung übernehmen und zugleich miteinander im Gespräch bleiben, können sie in einer komplexen, säkularen Welt Sinn entdecken und ihn auch über Dialog und Diskurs verwirklichen.
Freude zeigt sich oft in kleinen, bewussten Momenten: wenn wir Schönheit wahrnehmen, Nähe erleben oder ganz im Augenblick aufgehen. Solche Momente können bewusst „gespeichert“ werden und tragen zu einem inneren Reichtum bei. Gleichzeitig steht diesem Ideal ein Alltag gegenüber, der häufig von Mühsal, Pflichten und inneren Hemmnissen geprägt ist. Schwere gilt dabei fast als Normalzustand des Lebens, während Leichtigkeit aktiv errungen werden muss.
Freude entsteht teils spontan, oft jedoch nur, wenn sie bewusst kultiviert wird. Dazu gehört, den Blick gezielt auch auf die positiven Aspekte des Lebens zu richten. Die Forschung zeigt, dass unser Gehirn formbar ist: Wer sich regelmäßig schöne Erfahrungen vergegenwärtigt, kann langfristig eine positivere Grundhaltung entwickeln. Dennoch ist das nicht einfach, denn unser Gehirn ist evolutionär darauf ausgerichtet, Probleme und Gefahren zu erkennen. Innere To-do-Listen, Pflichtgedanken und ständige Ablenkung erschweren es, einen an sich erfreuenden Moment zu genießen.
Ein verbreiteter Glaubenssatz lautet, dass Disziplin, Aufschub von Genuss und Pflichtbewusstsein der Schlüssel zu einem guten Leben seien. Zwar sind diese Fähigkeiten wichtig, doch sie greifen zu kurz. Ebenso bedeutsam ist die Fähigkeit, Freude zu empfinden und Genuss zuzulassen. Wer genießen kann, ist nachweislich zufriedener. Freude und Pflicht müssen sich dabei nicht ausschließen: Sie können sich verbinden, etwa wenn Tätigkeiten um ihrer selbst willen getan werden und man ganz in ihnen aufgeht.
Eine tiefere, nachhaltige Form der Freude entsteht häufig dort, wo Sinn erlebt wird. Sinn verbindet Mühsal und Freude, auch wenn sich sinnvolles Handeln nicht immer leicht oder angenehm anfühlt. Verbundenheit mit anderen und mit etwas Größerem geben dem Leben Tiefe. Freude ist dann weniger ein lauter Höhepunkt als ein stilles inneres Aufleuchten – ein Gefühl von Resonanz mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit der Welt.
Gibt es ein Recht auf einen gelingenden Tod? Bei einer solchen Frage verlassen wir die Wissenschaft und kommen an in der urpersönlichen Idee dessen, was ein Mensch ‚Tod‘ nennt.
Dem will ich nicht ausweichen: Für mich ist Tod ein spiritueller Zustand einer aus dem Leben gestorbenen Person, deren Körperlichkeit noch erahnbar, deren Fühlen und Denken noch erinnerbar, aber deren Geistiges stets weltoffen erlebbar bleibt. Das Geistige bleibt unauslöschlich erhalten in der Welt, mit all dem, was ein Mensch zu Lebzeiten erzeugt und erschaffen hat. Und von dem er womöglich nie erfahren hat, was es in seiner vielleicht noch so kleinen Welt bereits bewirkte. Und von dem er nie erfahren wird, was es noch bewirken wird. Dass das individuell Geistige stets bewahrt bleibt, ist die Grundlage für das stets geltende Recht auf gelingenden Tod.
Die Aufgabe des Lebens, die der lebende Mensch zu erfüllen hat, könnte somit lauten: Tue in deinem Leben alles gewissenhaft dafür, den Raum zu vergrößern, in anderen Menschen etwas zu bewirken.
Ralph Schlieper-Damrich, aus:
… schreibt boerse-global.de
Führende Gesundheitsorganisationen stellen den Aspekt der Sinnfindung ins Zentrum ihrer Prognosen im Kontext der Weiterentwicklung von Arbeit. Die Sinntheorie Viktor Frankls wird dabei als notwendiges Werkzeug für den Umgang mit einer hyper-technologisierte Welt neu entdeckt.
Burnout klassifizieren Trendforscher heute zunehmend als systemisches Gesundheitsproblem. Ihm muss präventiv durch Sinnfindung begegnet werden – nicht durch besseres Zeitmanagement oder Selbstoptimierung. Viele Unternehmen suchen daher nach intelligenteren Gegenmaßnahmen zu dieser Fehlentwicklung.
Ein wesentlicher Treiber für Frankls Comeback ist die fortschreitende Integration Künstlicher Intelligenz. Da KI immer mehr und schneller Routineaufgaben übernimmt, entsteht bei vielen Menschen ein Vakuum der Selbstwirksamkeit. Es droht eine existenzielle Leere.
Hinter der Entwicklung steht eine Reaktion auf die “Polykrise” der letzten Jahre. Nach globaler Instabilität suchen Menschen und Organisationen nach robusteren Ankern als dem rein materiellem Erfolg. Die Möglichkeit, Werte zu verwirklichen, wird zum Wettbewerbsvorteil bei der Mitarbeitergewinnung und -bindung. Frankls Sinnlehre, in der es genau darum geht – um Sinnfindung durch Werteverwirklichung – wird damit zum Ausgangspunkt einer neuen Unternehmenskulturentwicklung, als harter Faktor der Gesundheitsökonomie und des Personalmanagements.
Spannend, dass diese Erkenntnisse nun auch die Börsenwelt erreicht hat.
Kaum etwas ist spannender als die individuelle Lebensgeschichte. Wie wurde man, was man ist? Wie kann man werden, der man sein will? Wie konnte das bisherige Leben gelingen und was waren Hindernisse? Welche Entwicklungssprünge kann man erinnern, und welche sind wohl noch zu erwarten? Welche Entwicklungsthemen ‚gehören‘ zu welchem Alter, bei welchen erlebte man sich selbst als ‚frühreif‘, bei welchen als ‚Spätzünder‘. Was hat alles auf das ‚Lebenskonto‘ eingezahlt und damit die Biografie zu einer unverwechselbaren individuellen Geschichte werden lassen? In unserem Kartenset ‚Blick ins Leben‘ zeigen wir auf, was es in welcher Phase zu entwickeln gibt. So können Sie reflektieren, was bereits hinter Ihnen liegt und Sie können erahnen, welche Themenfülle des Lebens noch auf Sie wartet.
Auf den Vorderseiten finden Sie zusätzlich in der Regel originäre Zitate von Viktor E. Frankl, dessen Menschenbild wir uns zutiefst verbunden fühlen.
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Seit 25 Jahren arbeite ich als Coach, seit 19 Jahren leite ich zudem eine psychotherapeutische Praxis. In diesen Jahren kam es immer wieder zu Situationen, in denen mir Klienten über ihre Gedanken zum Tod berichteten. Eine Geschäftsführer berichtete über den Suizid des Sohnes eines seiner leitenden Mitarbeiter, über dessen Kummer und die Auswirkungen auf die Familie, das private und berufliche Umfeld. Ein anderer berichtete über seine eigene unheilbare Krebserkrankung und das Kartenhaus, das wie vom Blitz getroffen dabei sei einzustürzen. Eine andere Person beschäftigte die Frage, wie denn die Diagnose einer recht seltenen Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung von ihm seiner siebenjährigen Tochter vermittelt werden könne. Der Tod von Freunden, Angehörigen, Eltern, der eigene Tod oder der des Lebenspartners – die bisherige Bandbreite war groß und es wunderte mich aufgrund meines thematischen Schwerpunktes ‚Krise‘ nicht, dass oftmals die Frage in den Raum gestellt wurde, welchen Sinn das eigene Leben wohl hatte oder welchen es noch haben könne, wenn doch ein geliebter Mensch bald nicht mehr da sei. Gerade dann, wenn die letzten Seiten des Lebensbuches aufgeschlagen werden, wollen viele Menschen darüber sprechen, was es für sie heißt, da gewesen zu sein und was es heißt, wenn sie aus der Sichtbarkeit heraustreten und für die Menschen, die ihnen nah waren, in den Raum der Erinnerung wechseln.
Wenn ich an die Zeit zurückdenke, in denen Psychologie auf meinem Lehr- und Lernplan stand, fand sich dort ein Thema nicht: der Tod. Vielmehr wurde gefragt, wie Menschen wahrnehmen, wie sie empfinden, wie sie fühlen, sich verhalten, sich motivieren oder handeln. Blickt man in die junge Geschichte der Psychologie und Psychotherapie zurück, dann waren das die Kernthemen, später dann natürlich flankiert durch Statistik, Diagnostik und dann bis heute durch die Erkenntnisse der Neurowissenschaften. Die Thanatopsychologie, die sich mit Erleben und Verhalten des Menschen vor dem Hintergrund seines Wissens um die Sterblichkeit befasst, gehört zu den sehr jungen Ablegern der psychologischen Wissenschaft.
Wie tickt der Mensch im Kontext von Sterben, Tod und existenziellen Fragen wie der nach dem Sinn des gelebten Lebens? Dass mit Viktor Frankl eine Schule der Psychotherapie eröffnet wurde, in der Fragen integral verhandelt werden, die früher entweder in der Psychologie, der Theologie oder der Philosophie ihren Platz fanden, macht die Komplexität deutlich, der sich Menschen gegenüber gestellt sehen, wenn sie sich berührt fühlen von offenen Fragen, deren Bearbeitung kaum mehr von einer Einzelwissenschaft geleistet werden kann. Aber ist eine ‚Universalwissenschaft Psychologie‘ die passende Antwort darauf?
Wenn irgendetwas in der Welt geschehen ist, wo es so richtig menschelte, dann fragt man die Psychologie. Was geht nur in Menschen vor, die …? Wie können diese Leute bloß …? Was kann man gegen Typen wie diese nur unternehmen, dass …? Und wenn etwas ‚in mir‘ geschehen ist, dann liegt die Analogie auf der Hand. Da, wo Mensch drin ist, da ist auch Psyche drin. Und wenn das so ist, dann sollte die Psychologie für jedes dieser psychischen Prozesse und Phänomene auch Antworten parat haben. Wie motivieren sich Menschen, und wie ich mich? Wie finden Menschen Sinn, und wie ich? Wie empfinden Menschen Glück, und warum ich nicht? Wie sterben Menschen, und wie wohl ich?
Wird Wissenschaft so gefragt, dann geht sie auf die Suche, sie forscht. Je nach wissenschaftlichem Hintergrund haben Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten von Wissenschaftlern gelernt, was von diesen zuvor erforscht wurde. Und da ‚Mensch‘ in der Psychologie in den unterschiedlichsten Facetten seines Seins erforscht wurde, hat jede Schule ihre Schüler hervorgebracht, die am verlängerten Arm der Forschung Menschen einen Ausschnitt von Allem zur Erklärung ihrer subjektiven Anliegen anbieten. So kann man sich leicht vorstellen, dass man bei einer spezifischen Frage, zum Beispiel der nach der Sinnfindung, aus den verschiedenen Forschungsrichtungen auch verschiedene Antworten erhält. Das macht es nicht gerade leichter.
Und schon hat man ein Problem. Gehen Sie in eine Buchhandlung und schauen Sie nach seriösen, also wissenschaftlich fundierten Büchern zu einer für Sie existenziellen Fragestellung. Sie werden fündig werden, das ist klar. Aber werden Sie Antworten erhalten auf Fragen wie: Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung eines Sinnimpulses? Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung eines Zufalls? Was genau geschieht im Moment des Fühlens von Glück? Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung einer Fügung? Was genau im Moment der Wahrnehmung des Todes? …
Noch müssen wir attestieren: Nie hatten Menschen so viel Wissen wie heute. Nie standen ihnen so viele Tools und Methoden zur Selbsterkenntnis und -reflexion zur Verfügung. Wir greifen zurück auf Sinnforschung, Glücksforschung, Sterbeforschung … und doch haben weder KI noch wir auf die Frage, was genau in einem existenziellen Moment geschieht, die Antworten. Mehr noch, trotz aller dieser Forschungen ist kaum eine Generation so sinnsuchend, unglücklich, sterbeängstlich wie die unsere – so man der Forschung dazu glaubt (sic!)
Vor diesem Hintergrund ist Vorsicht geboten, will man der Psychologie alleine Antworten auf existenzielle Fragen abringen. Und es ist nachvollziehbar, dass Menschen – eingedenk der Leerstellen der Forschung – dann andere Dinge tun in der Hoffung, dadurch auf Antworten für sich zu treffen. Die Gründe sind vielfältig, warum immer mehr Menschen – zumindest in unserem Kulturkreis – die Antwortsuche nicht mehr mit dem Begriff des liturgischen Gebetes in Verbindung bringen.
Eine integralere Anmerkung dazu: kann ein Gebet in vMeme Beige noch als Stoßgebet im Kontext einer Überlebenskrise verstanden werden, erfahren Dialoge mit dem, was ‚Mensch‘ als seine tiefste innere Instanz versteht, auf anderen Ebenen der Bewusstheit eine völlig andere Qualität. Ich nenne – als Angebot – die ‚Gebete‘ im vMeme purpur Beschwörungsgebet, in rot Anspruchsgebet, in blau Pflichtgebet, in orange Zweckgebet, in grün Sozialgebet.
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Beige: Hilf mir, damit ich überlebe.
Purpur: Halte das Böse fern, und sei uns gnädig.
Rot: Hilf mir, damit ich stark bin.
Blau: Dein Wille geschehe und bitte, vergebe uns.
Orange: Hilf mir, mein Ziel zu erreichen.
Grün: Lass uns verstehen und heile, was verletzt ist.
Anstelle von Gebets-Dialogen begann mit den 1970er-Jahren zunehmend die Meditation für viele Menschen attraktiv zu werden. Einen innerpsychischen Zustand tiefer Entspannung zu bewirken, war im Getöse der Zeit von damals eine Art Heilsversprechen, das man meinte, sich selbst geben zu können. Dieses Versprechen reicht bis heute, auch, wenn mit der Angebotswelt der Achtsamkeitslehren immer weitere Aspekte und Methoden hinzukamen. All diesen Angeboten gemein ist, dass es dabei für den Menschen stets um seinen psychophysischen Zustand und dessen Verbesserung geht. Was dabei jedoch schlicht fehlt, ist ein Gegenstand außerhalb seiner selbst, auf den er sich transzendierend beziehen könnte.
Viktor Frankl sinngemäß dazu: Die eigentliche Frage sollte nicht lauten „Was ist gut für mich?“, denn diese Frage stellen Menschen umso stärker, je unglücklicher sie sind. Die reifere Frage hingegen lautet: „Wofür bin ich gut?“
Weitergedacht ist dieser Perspektivenwechsel eine klare Absage gegen die ich-bezogenen Empfehlungen Positiver Psychologie oder auch gegen Konzepte wie das der Selbstverwirklichung, heute der Selbstoptimierung. Werde ich als Therapeut gefragt, ‚wie kann ich mich am besten selbst verwirklichen‘, und ist meine Antwort nicht als Methodiker gewünscht, sondern als ‚Hoffender auf das Beste‘, dann antworte ich: ‚Verwirklichen Sie bloß nicht all das, was Ihnen selbst möglich ist. Das Ergebnis könnte Sie sonst in Schrecken versetzen. Verwirklichen Sie nur das, was wert ist, von Ihnen verwirklicht zu werden.“ Und ergänzend: ‚Sobald sich die Möglichkeit bietet, dann verwirklichen Sie nur das, was zu einem gegenständlichen Gefühl in Ihnen führt, und nicht nur zu einem Zustandsgefühl. Fühlen Sie ein Gegenstandsgefühl, dann liegt nahe anzunehmen, dass Sie nicht sich selbst verwirklicht, sondern Sinn erfüllt haben.“
Anders gesagt: Menschen verarmen nicht durch das, was sie nicht bekommen, sondern durch das, was sie nicht geben. Wer also möchte, dass sein Bestes existiert, muss es in die Welt bringen (wenn er dies in einem bestimmten Moment tut, so ist auch dieser Moment keiner, der erforscht werden könnte). Und das Beste ist niemals nur ein psychischer Zustand, den ein Mensch fühlt, sondern immer ein Beitrag, mit dem er sich trotz des (positiven oder negativen) Zustands für jemanden oder etwas hingibt.