Warum wir wieder lernen müssen, über das Sterben zu sprechen

Wir werden älter, investieren in Gesundheit und träumen von einem möglichst langen Leben. Doch während der Wunsch nach Langlebigkeit immer größer wird, verdrängen wir eine Tatsache, die sich nicht wegoptimieren lässt: Unser Leben ist endlich. Der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio plädiert deshalb für einen anderen Blick auf das Lebensende – und für eine Medizin, die vor allem eines kann: zuhören.

Der Tod ist eines der sichersten Ereignisse unseres Lebens – und gleichzeitig eines der am stärksten verdrängten. Während die moderne Medizin immer mehr Möglichkeiten eröffnet, Krankheiten zu behandeln, Körper zu optimieren und Lebenszeit zu verlängern, fällt es vielen Menschen schwer, über das Sterben zu sprechen. Besonders deutlich zeigt sich das im aktuellen Longevity-Trend. Gesundheit, Fitness, Ernährung und medizinische Innovationen sollen dazu beitragen, möglichst lange jung und leistungsfähig zu bleiben. Das ist Zeitgeist pur, mit einer problematischen Seite, der  Todesverdrängung.

Schon in den 1960er- und 1970er-Jahren habe die Medizin zeitweise dem Glauben angehangen, den Tod durch technischen Fortschritt besiegen zu können, erklärt Borasio. Intensivmedizin und moderne Behandlungsmöglichkeiten hätten damals ein Gefühl medizinischer Allmacht entstehen lassen. Der Tod ließ sich damit jedoch nicht abschaffen. Stattdessen gerieten schwerstkranke und sterbende Menschen teilweise aus dem Blick.

Heute zeigt sich die gleiche Sehnsucht in anderer Form: Menschen investieren enorme Summen in Maßnahmen, die ihnen ein längeres Leben versprechen. Doch egal, wie weit die Medizin voranschreitet – Unsterblichkeit bleibt eine Illusion. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht Wie lange können wir leben?, sondern Wofür wollen wir leben und wie wollen wir sterben?

Dass Menschen heute durchschnittlich länger leben als frühere Generationen, ist grundsätzlich eine gute Entwicklung. Längeres Leben kann bedeuten, mehr Zeit mit Familie und Freunden zu haben, Erfahrungen zu sammeln und Dinge zu tun, für die früher keine Zeit war. Entscheidend ist jedoch die Qualität dieser zusätzlichen Jahre, denn ein längeres Leben bedeutet nicht automatisch ein besseres Leben. Mit zunehmendem Alter steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Pflegebedürftigkeit, Gebrechlichkeit oder Demenz. Gleichzeitig steht unsere Gesellschaft vor der Frage, wer die notwendige Betreuung leisten und finanzieren soll.

Pflegekräfte fehlen schon heute. Familien sind häufig räumlich voneinander getrennt. Und die Vorstellung, dass professionelle Strukturen irgendwann alle Bedürfnisse auffangen werden, wird sich wohl als zweite Illusion erweisen. Borasio plädiert deshalb für „Caring Communities“ – sorgende Gemeinschaften. Gemeint ist eine Gesellschaft, in der Verantwortung füreinander nicht ausschließlich an professionelle Einrichtungen delegiert wird. Es geht darum, dass Menschen einander unterstützen: ältere Menschen, Sterbende, Menschen mit Behinderungen, Alleinerziehende und Familien. Ob auch dieser Gedanke den Zeitgeist trifft? Oder trifft er schlicht die Geldbörse?

Einen weiteren Blick richtet Borasio in die Palliativmedizin. Auch dort hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel verändert. So gibt es In Deutschland inzwischen zahlreiche ambulante Palliativteams, die schwerkranke Menschen zu Hause begleiten. Zudem leisten die Hospizvereine mit ihren vielen qualifizierten Ehrenamtlichen eine weitere hervorragende Unterstützung. Andererseits gerät das Gesundheitssystem zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Medizinische Entscheidungen stehen dadurch nicht immer ausschließlich im Zeichen dessen, was für einen Menschen sinnvoll ist. Borasio warnt vor einer Entwicklung in zwei Richtungen: Manche Menschen könnten notwendige Behandlungen nicht ausreichend erhalten, während andere mit Therapien versorgt werden, die medizinisch kaum noch einen Nutzen bringen. Gerade am Lebensende kann das gravierende Folgen haben, denn manchmal verlängert eine Therapie nicht das Leben in einer für den Patienten guten Weise, sondern lediglich den Sterbeprozess. Dann wird aus dem Wunsch, alles Menschenmögliche zu tun, schnell eine Belastung für denjenigen, um dessen Leben es eigentlich geht.

Eine der wichtigsten Botschaften Borasios lautet deshalb: Wir müssen die Menschen fragen. Was möchten Sie? Was ist Ihnen wichtig? Wovor haben Sie Angst? Was möchten Sie noch erleben? Und was möchten Sie auf keinen Fall? Die Antworten können überraschend sein. Denn die Wünsche schwerkranker Menschen entsprechen nicht zwangsläufig dem, was Ärztinnen und Ärzte für sie als besonders wichtig erachten.

Am Lebensende verschieben sich bei vielen Menschen zudem die persönlichen Werte. Beziehungen und das soziale Umfeld gewinnen an Bedeutung. Nicht selten geht es weniger um die eigene Person als um die Menschen, die zurückbleiben. Vielleicht ist genau das eine der großen Erkenntnisse, die das Bewusstsein für die eigene Endlichkeit mit sich bringen kann: Zu erkennen, was wirklich zählt.

Für Borasio liegt darin die entscheidende Aufgabe einer zukünftigen Medizin. Der Patient dürfe nicht als Kostenfaktor betrachtet werden. Im Mittelpunkt müsse wieder der Mensch stehen – mit seinen Wünschen, Ängsten, Beziehungen und individuellen Vorstellungen von Lebensqualität. Sein vielleicht prägnantester Gedanke lautet: „Die Medizin der Zukunft wird eine hörende sein oder sie wird gar nicht mehr sein.“

Zuhören klingt zunächst nach etwas Selbstverständlichem. In einem hoch technisierten und wirtschaftlich organisierten Gesundheitssystem ist es jedoch keineswegs selbstverständlich. Zuhören bedeutet hier, nicht sofort eine Behandlung anzubieten, sondern zunächst zu verstehen, was ein Mensch überhaupt erreichen möchte. Und Zuhören bedeutet auch, anzuerkennen, dass ein medizinischer Erfolg nicht immer darin besteht, einen biologischen Prozess möglichst lange aufrechtzuerhalten. Manchmal kann der Erfolg einer Behandlung darin bestehen, Leiden zu lindern, Selbstbestimmung zu bewahren und einem Menschen ein würdevolles Leben bis zuletzt zu ermöglichen.

Besonders deutlich wird das in Pflegeheimen. Wenn Menschen am Ende ihres Lebens stehen, werden sie nicht selten noch einmal ins Krankenhaus gebracht. Solche Einweisungen können medizinisch notwendig sein. Häufig können sie aber auch vermeidbares Leid bedeuten – gerade dann, wenn ein Mensch eigentlich zu Hause oder im Pflegeheim bleiben möchte. Eine bessere palliative Versorgung könnte hier viel bewirken. Dazu braucht es nicht immer spektakuläre neue Technologien. Häufig geht es um etwas Grundlegenderes: medizinisches Wissen, gute Kommunikation und die Fähigkeit, gemeinsam mit dem Patienten und seinem Umfeld Entscheidungen zu treffen, damit getan wird, was sinnvoll ist und nicht nur zweckdienlich.

Gutes Sterben setzt nicht erst dann ein, wenn der Tod unmittelbar bevorsteht. Vielmehr beginnt es bereits dort, wo ein Mensch bereit ist, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen und über Tod und Sterben zu sprechen. Eine solche Auseinandersetzung fällt schwer. In seinem Vortrag zu diesem Thema in der Heinrich-Böll-Stiftung macht Professor Honnefelder dazu wie folgt inhaltlich aufmerksam: Der Mensch erlebt sich zunächst als jemand, der über seinen Körper verfügen und ihn kontrollieren kann. Gleichzeitig ist er aber an diesen Körper gebunden und von dessen Möglichkeiten und Zuständen abhängig. Ähnlich verhält es sich mit seiner Psyche: Einerseits gestaltet sie seine Wahrnehmung und sein Erleben aktiv mit, andererseits wird sie selbst durch Erfahrungen und Erlebnisse geprägt. Auch die eigene Identität besitzt diesen widersprüchlichen Charakter. Der Mensch empfindet sich als unverwechselbar und einzigartig, muss aber zugleich erkennen, dass andere Menschen seine Funktionen übernehmen können und seine eigene Existenz deshalb nicht in jeder Hinsicht unersetzbar ist. Auch Sinn und Ordnung, die durch gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge vermittelt werden, sind niemals selbstverständlich. Wo eine bestimmte Ordnung als sinnvoll erfahren wird, bleibt gleichzeitig die Möglichkeit bestehen, dass sie anders sein könnte. Der Mensch weiß daher um die Verletzlichkeit der von ihm geschaffenen kulturellen Strukturen und empfindet den Verlust von Sinn und Orientierung als besondere Bedrohung.

Besonders intensiv zeigt sich diese Spannung im menschlichen Verhältnis zur Zeit. Der Mensch lebt nicht lediglich in der Zeit, sondern besitzt darüber hinaus ein Bewusstsein von ihrer Vergänglichkeit. Er nimmt den gegenwärtigen Augenblick als etwas wahr, das unmittelbar wieder vergeht, und erkennt sich selbst als ein Wesen, dessen Existenz sich innerhalb dieser zeitlichen Begrenzung vollzieht. Martin Heidegger bezeichnet deshalb Sorge und Angst als grundlegende Befindlichkeiten des Menschen. Mit Angst ist dabei nicht einfach die Furcht vor einer bestimmten Gefahr gemeint. Gemeint ist vielmehr jene grundlegende Unsicherheit, die daraus entsteht, dass der Mensch seiner Existenz nicht vollständig sicher sein kann und sich gewissermaßen ins Nichts hinausgehalten erfährt.

Vor diesem Hintergrund erhält das Wissen um die eigene Sterblichkeit eine besondere Bedeutung. Ein Wesen, das sich seiner selbst und seiner zeitlichen Begrenzung bewusst ist, kann den Tod nicht einfach als irgendein zukünftiges Ereignis betrachten. Nach Heidegger muss der Tod für den Menschen zur „eigensten, unbezüglichen, unüberholbaren Möglichkeit“ werden. Gerade dadurch wird der Mensch mit der Frage konfrontiert, wie sein gesamtes Dasein zu verstehen und zu bewerten ist.

Wenn unter Leben nicht bloß die biologische Existenz verstanden wird, sondern das konkrete Leben, das ein Mensch führt, dann besitzt auch der Tod eine umfassendere Bedeutung als das bloße Ende körperlicher Funktionen. Entscheidend ist für den Menschen weniger der Zustand des Totseins, den er selbst nicht erfahren kann, als vielmehr der Weg, der vom Leben zum Tod führt. Aus diesem Grund richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Sterben. Welche Bedeutung der Tod besitzt, wird deutlicher, wenn man zunächst fragt, was menschliches Leben ausmacht. Dem gelebten Leben erscheint der Tod zunächst als dessen grundlegendes Gegenstück. Menschliches Leben verwirklicht sich in einer Vielzahl von Formen: im eigenen Körper, in Beziehungen und Kommunikation, in kulturellen Vorstellungen und Lebensentwürfen, in der Entwicklung einer persönlichen Identität sowie in gesellschaftlichen Aufgaben und Rollen. Der Tod beendet beziehungsweise löst diese Formen der Verkörperung auf. Für ein Wesen, dessen Existenz darin besteht, sein Leben aktiv zu führen und zu gestalten, bedeutet der Tod daher den Übergang zum Ende dieser Aktivität, zur zunehmenden Ohnmacht und schließlich zu einer letzten Form der Trennung und Einsamkeit. Je stärker der Mensch sein eigenes Leben bewusst wahrnimmt, desto stärker muss er deshalb auch den Tod als dessen Gegenbild wahrnehmen.

Zur menschlichen Existenz gehört somit nicht lediglich die Möglichkeit, über den Tod nachzudenken. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist vielmehr bereits Bestandteil der Struktur menschlichen Lebens. Wer im Voraus weiß, dass der eigene Tod bevorsteht, nimmt zwangsläufig – bewusst oder unbewusst – eine bestimmte Haltung zu ihm ein. Diese Haltung zeigt sich darin, wie der Mensch sein Leben gestaltet. Das Sterben ist deshalb nicht ausschließlich etwas, das einem Menschen von außen widerfährt. Es kann zugleich als ein letzter Bereich verstanden werden, in dem der Mensch in Bezug auf sein eigenes Dasein Stellung nimmt. Heidegger bezeichnet den Tod als die „eigenste Möglichkeit des Daseins“. Er ist damit nicht lediglich ein unvermeidliches Faktum am Ende des Lebens, sondern kann auch als Möglichkeit verstanden werden, das eigene Leben als Ganzes zu begreifen und zu vollenden. Georg Simmels Gedanke, dass das menschliche Leben nicht allein im „Mehr-Leben“, sondern im „Mehr-als-Leben“ aufgeht, führt zu der weiterführenden Frage, worin dieses Mehr bestehen kann. Wenn der Mensch sich selbst tatsächlich nur über die Beziehung zu anderen Menschen und zu seiner Umwelt erschließen kann, benötigt er Orientierung und Sinn, um auch das eigene Leben verstehen zu können. Die Frage nach dem Sinn des Lebens lässt sich daher nicht unabhängig von den Sinnangeboten beantworten, die einem Menschen begegnen. Noch schwieriger wird die Frage nach dem Tod, wenn dieser als etwas Sinnloses oder Zufälliges erscheint. Um dem Tod einen verstehbaren Platz im eigenen Dasein geben zu können, bedarf es eines umfassenderen Zusammenhangs, der selbst nicht sofort wieder als zufällig oder sinnlos erscheint. Daher wird die Frage nach dem Umgang mit der eigenen Sterblichkeit bis heute häufig im Rahmen religiöser Vorstellungen gestellt. Religion kann dem Menschen ermöglichen, seine eigene Endlichkeit anzuerkennen und sie zugleich in Beziehung zu einer Wirklichkeit zu setzen, die über den Tod hinausweist. Der Mensch kann sich dadurch als sterbliches und begrenztes Wesen verstehen, ohne seine Existenz ausschließlich auf diese Begrenztheit reduzieren zu müssen.

Aus der grundlegenden menschlichen Abhängigkeit von anderen ergibt sich außerdem eine besondere Bedeutung zwischenmenschlicher Nähe während des Sterbens. Kaum in einer anderen Lebenssituation ist der Mensch in vergleichbarer Weise auf die Anwesenheit, Unterstützung und Zuwendung anderer angewiesen. Dabei genügt es nicht, ausschließlich für körperliches Wohlbefinden zu sorgen, Schmerzen zu behandeln oder pflegerische Aufgaben zu übernehmen. Ebenso wichtig ist die Erfahrung, dass jemand da ist, zuhört, Nähe zulässt und dem Sterbenden vermittelt, dass er nicht allein gelassen wird. Wenn das Sterben zunehmend mit Verlust von Handlungsmöglichkeiten, körperlicher Selbstbestimmung und schließlich mit dem Ende jeder Kommunikation verbunden ist, kann die Gegenwart vertrauter Menschen eine wichtige Verbindung schaffen. Wer sich begleitet, akzeptiert und angenommen fühlt, kann möglicherweise leichter Vertrauen entwickeln und sich mit der eigenen Situation auseinandersetzen. Eine solche Begleitung kann auf unterschiedliche Weise erfolgen. Besonders wichtig können Angehörige, Freunde oder Menschen aus einer seelsorgerlichen Beziehung sein, weil zwischen ihnen und dem Sterbenden bereits ein besonderes Maß an Vertrauen besteht. Daneben können auch Ärzte, Pflegekräfte und andere professionell Tätige eine solche Aufgabe übernehmen oder die persönliche Begleitung unterstützen. Gerade dort, wo Menschen in Krankenhäusern, Hospizen oder Alten- und Pflegeeinrichtungen sterben, sollte deshalb neben der medizinischen und pflegerischen Versorgung auch die persönliche Begleitung berücksichtigt werden. Palliation und menschliche Zuwendung dürfen nicht als voneinander getrennte Aufgaben verstanden werden. Ein Sterbender braucht häufig beides: die Linderung körperlicher Beschwerden und die Erfahrung, als Mensch wahrgenommen und nicht allein gelassen zu werden.

Eine solche Begleitung kann allerdings nur dann wirklich tragen, wenn auch der Begleitende bereit ist, sich mit Sterben und Tod auseinanderzusetzen. Wer die eigene Endlichkeit vollständig verdrängt und den Tod aus dem eigenen Denken ausschließt, wird möglicherweise Schwierigkeiten haben, einem anderen Menschen in dessen Sterbeprozess Sicherheit und Nähe zu vermitteln. Deshalb beginnt eine verantwortungsvolle Sterbebegleitung bereits lange vor der konkreten Situation des Sterbens: Sie setzt voraus, dass Menschen selbst ein Verhältnis zu ihrem Leben, zu dessen Begrenztheit und schließlich auch zum eigenen Tod entwickelt haben.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 6

Die Einsicht in den eigenen blinden Fleck bleibt nicht auf das individuelle Denken beschränkt. Sie besitzt ebenso eine gesellschaftliche Dimension. Gemeinschaften, Institutionen und kulturelle Ordnungen neigen dazu, ihre eigenen Voraussetzungen für selbstverständlich zu halten. Was innerhalb ihres Deutungshorizontes keinen Platz findet, erscheint leicht als nebensächlich oder wird gar nicht erst wahrgenommen. Doch das Unsichtbare verschwindet nicht dadurch, dass es unbeachtet bleibt. Es wirkt weiter, und häufig gerade deshalb, weil niemand es ausdrücklich berücksichtigt.

Aus diesem Grund bedarf es einer offenen Gesellschaft des Dialogs zwischen unterschiedlichen Akteuren des Wissens. Philosophische Reflexion, psychologische Einsicht, naturwissenschaftliche Erkenntnis, politische Erfahrung und kulturelle Tradition stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Sie eröffnen verschiedene Konstruktionen von Wirklichkeit. Erst in ihrem Zusammenspiel entsteht ein differenzierteres Verständnis des Menschen und seiner Lebenswelt. Wer weiser denkt, handelt und kommuniziert, entlernt sukzessive einst bevorzugte gegebenenfalls monologische Tendenzen.

Der ursprüngliche Sinn des griechischen Begriffs theoría verweist genau auf diese Haltung. Gemeint ist kein abstraktes Gedankengebäude, sondern ein aufmerksames Schauen, das sich der Wirklichkeit aussetzt, anstatt sie vorschnell in bekannte Kategorien einzuordnen. Moderne Theorien sind unverzichtbare Werkzeuge des Denkens. Zugleich dürfen sie nicht mit der Wirklichkeit selbst verwechselt werden. Sie bleiben Karten eines Geländes, sind aber niemals das Gelände selbst. Je komplexer die Welt wird, desto größer wird die Versuchung, ihre Vielschichtigkeit auf einfache Erklärungen zu reduzieren. Menschen suchen nach Eindeutigkeit, weil sie Orientierung verspricht. Systeme vereinfachen Komplexität, weil sie andernfalls handlungsunfähig würden. Diese Reduktion ist notwendig, sie hat jedoch ihren Preis. Mit jeder Vereinfachung verschwinden zugleich Möglichkeiten des Verstehens. Weisheit besteht deshalb nicht darin, Komplexität zu beseitigen, sondern sie in einer Weise auszuhalten, die verantwortliches Handeln weiterhin ermöglicht.

Hier berühren sich erneut Systemtheorie und Existenzanalyse. Während Systeme Komplexität reduzieren müssen, um funktionieren zu können, bleibt der Mensch dazu berufen, sich immer wieder auf die umfassendere Wirklichkeit hin zu öffnen. Frankls Begriff der Selbsttranszendenz beschreibt genau diese Bewegung. Der Mensch überschreitet den engen Horizont seiner unmittelbaren Bedürfnisse und richtet sich auf Werte, Aufgaben und andere Personen aus. Indem er sich dem Sinn einer Situation öffnet, erweitert sich zugleich sein Wahrnehmungshorizont. Diese Fähigkeit gewinnt besondere Bedeutung in einer Zeit, deren öffentliche Kommunikation zunehmend von Geschwindigkeit bestimmt wird. Der tägliche Strom an Nachrichten, Kommentaren und digitalen Reaktionen erzeugt den Eindruck ständiger Gegenwart. Was heute Aufmerksamkeit erhält, erscheint bedeutsam; was nicht sichtbar wird, verliert scheinbar seine Existenzberechtigung. Die öffentliche Wahrnehmung orientiert sich dadurch immer stärker an Mechanismen der Sichtbarkeit und immer weniger an Kriterien der Bedeutsamkeit.

Eine Kultur, die ihre Aufmerksamkeit fast ausschließlich nach medialer Resonanz organisiert, läuft Gefahr, das Wesentliche mit dem Lautesten zu verwechseln. Schnelligkeit ersetzt Nachdenklichkeit, Reichweite tritt an die Stelle von Tiefe, Empörung verdrängt differenzierte Urteilsbildung. Unter solchen Bedingungen wird Weisheit leicht für unpraktisch gehalten, weil sie sich der Logik permanenter Beschleunigung entzieht. Tatsächlich ist gerade ihre Langsamkeit Ausdruck einer anderen Form von Rationalität. Sie nimmt sich die Freiheit, Zusammenhänge wahrzunehmen, bevor sie urteilt. Daraus ergibt sich eine anspruchsvolle Aufgabe für jede demokratische Kultur. Eine Gesellschaft lebt nicht allein von funktionierenden Institutionen, sondern ebenso von ihrer Fähigkeit zur Reflexion. Sie benötigt Räume, in denen nicht ausschließlich über Effizienz, Wachstum oder Macht gesprochen wird, sondern ebenso über Verantwortung, Menschenwürde, Vertrauen und den Sinn gemeinschaftlichen Handelns. Diese Fragen lassen sich weder delegieren noch automatisieren. Sie verlangen Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, über die Grenzen ihres jeweiligen Systems hinauszudenken.

Weisheit ist deshalb keine zufällige Begleiterscheinung kultureller Entwicklung. Sie entsteht nicht automatisch mit wachsendem Wissen, technologischem Fortschritt oder wirtschaftlichem Wohlstand. Im Gegenteil: Je größer der verfügbare Wissensbestand wird, desto dringlicher wird die Fähigkeit, zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem zu unterscheiden. Genau an dieser Stelle erhält Wissen durch Weisheit seine existenzielle Vollendung. Erst wenn Erkenntnis in verantwortliches Handeln übergeht, erfüllt sie ihren eigentlichen Zweck. Aus der Perspektive Viktor Frankls bedeutet dies, dass Wissen immer auf eine konkrete Sinnverwirklichung hin orientiert bleiben soll. Es genügt nicht, die Welt immer genauer zu beschreiben. Entscheidend ist, ob diese Erkenntnisse den Menschen befähigen, freier, verantwortlicher und menschlicher zu handeln, und dies in jeder Lebensphase. Im Kontext menschlicher Lebensendlichkeit wird eine weisere Grundhaltung zum Korrektiv gegen jede Form intellektueller Selbstgenügsamkeit. Wem bewusst ist, dass seine Lebenszeit begrenzt ist, wird Erkenntnis nicht um ihrer selbst willen anhäufen. Er wird vielmehr fragen, welche Einsichten geeignet sind, das eigene Leben und das Zusammenleben mit anderen auf Sinn hin zu vertiefen.

Alle großen Weisheitstraditionen der Welt sagen, dass der Augenblick des Sterbens außerordentlich wichtig und eine kostbare Chance ist: Wenn der Tod eintritt, legt der Mensch den grobstofflichen Körper ab, und dadurch blitzen augenblicklich die höheren Dimensionen  – die subtile und die kausale – in seinem Bewusstsein auf. Erkennt er sie, so erkennt er auch augenblicklich seine Erleuchtung, und zwar viel leichter, weil er nicht mehr von der Dichte des stofflichen Körpers behindert wird.

Ken Wilber – Mut und Gnade. S. 423

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 5

Ein zentrales Merkmal jeder Form menschlicher Erkenntnis besteht darin, dass sie begrenzt ist. Kein Mensch verfügt über einen uneingeschränkten Zugang zur Wirklichkeit. Jede Wahrnehmung erfolgt innerhalb eines bestimmten Bezugsrahmens, der sichtbar macht und zugleich verbirgt. Gerade das, was außerhalb dieses Rahmens liegt, entzieht sich häufig vollständig individueller Aufmerksamkeit. Diese Grenze des Erkennens ist kein Mangel, sondern eine grundlegende Eigenschaft aller Systeme, in denen Menschen denken, handeln und Entscheidungen treffen.

Die Einsicht in diese Begrenztheit gehört zu den Voraussetzungen der Weisheit. Unwissen beginnt nicht dort, wo man etwas noch nicht gelernt hat, sondern dort, wo man den Grenzen des eigenen Blickfeldes keine Beachtung schenkt. Wer davon ausgeht, nur das Existierende wahrzunehmen, verwechselt die Reichweite seiner Perspektive mit der Reichweite der Wirklichkeit. Weisheit dagegen rechnet stets damit, dass es Aspekte gibt, die sich dem eigenen Wahrnehmungshorizont entziehen.

Niklas Luhmann hat diesen Gedanken in seiner Systemtheorie beschrieben. Jedes soziale System entwickelt eine eigene Logik, nach der es Informationen verarbeitet, Probleme definiert und Entscheidungen vorbereitet. Dadurch gewinnt es Handlungsfähigkeit, bezahlt diese jedoch mit einer Einschränkung seiner Wahrnehmung. Es kann vor allem das erkennen, worauf seine eigenen Unterscheidungen ausgerichtet sind. Alles andere bleibt zunächst außerhalb seines Verarbeitungsfeldes. Dies erklärt, weshalb dieselbe Wirklichkeit oft völlig verschieden beschrieben wird. So betrachtet Politik Entwicklungen unter dem Gesichtspunkt ihrer Entscheidbarkeit, die Wirtschaft unter dem Aspekt knapper Ressourcen, das Recht nach Kategorien der Normativität und die Wissenschaft nach Kriterien methodischer Überprüfbarkeit. Keine dieser Perspektiven genügt jedoch für sich allein. Jede beleuchtet einen Teil der Wirklichkeit und lässt andere Dimensionen notwendigerweise im Schatten.

Aus existenzanalytischer Sicht kommt eine weitere Perspektive hinzu. Sie fragt nach Sinn, Stellungnahme und Verantwortung.

Dazu ein aktuelles Beispiel. „Der neue britische Premierminister Andy Burnham will bis Weihnachten die Straßenobdachlosigkeit in England beenden. Die Regierung konkretisierte in der Nacht den ambitionierten Plan, für den umgerechnet rund 515 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden sollen. „Niemand sollte gezwungen sein, in einem Hauseingang oder vor einem Bahnhof zu übernachten“, sagte Burnham. Er werde sich nicht damit abfinden.“ [Quelle: n-tv]

Gefundener Sinn lässt sich weder statistisch messen noch administrativ verordnen. Er erschließt sich nur dort, wo Menschen sich als verantwortliche Personen zu ihrer jeweiligen Situation verhalten. Wird diese Dimension ausgeblendet, entstehen Entscheidungen, die technisch korrekt erscheinen mögen, den Menschen jedoch in seiner existenziellen Wirklichkeit verfehlen. Deshalb genügt es nicht, bestehende Routinen immer weiter zu perfektionieren. Routinen ermöglichen Stabilität, sie beantworten jedoch nicht die Frage, ob die eingeschlagene Richtung überhaupt sinnvoll ist. Ein Verfahren kann fehlerfrei funktionieren und dennoch an seinem eigentlichen Ziel vorbeigehen. Gerade in Krisenzeiten zeigt sich diese Grenze besonders deutlich. Häufig werden Lösungen innerhalb desselben Denkschemas gesucht, das zur Entstehung der Krise beigetragen hat. Weiser geht dabei der vor, der nicht nur nach besseren Antworten, sondern nach besseren Fragen sucht, zum Beispiel der, worum es einer zivilisierten Gesellschaft zu gehen hat, wenn der Blick geweitet wird auf das, was im Hier und Jetzt zum Handeln hin zur Würde eines jeden Einzelnen aufruft.

Diese Bereitschaft verlangt einen Perspektivenwechsel. Wer ausschließlich innerhalb seines vertrauten Deutungsrahmens bleibt, kann den eigenen blinden Fleck kaum entdecken. Erst die Begegnung mit anderen Sichtweisen eröffnet die Möglichkeit, die Grenzen der eigenen Wahrnehmung wahrzunehmen. Pluralität ist deshalb nicht lediglich Ausdruck gesellschaftlicher Vielfalt, sondern eine erkenntnistheoretische Notwendigkeit. Unterschiedliche Perspektiven ergänzen einander nicht deshalb, weil jede gleichermaßen recht hätte, sondern weil jede einen anderen Ausschnitt der Wirklichkeit sichtbar macht. Ein solch integrativer Pluralismus verlangt allerdings mehr als die bloße Ansammlung unterschiedlicher Meinungen. Er setzt die Bereitschaft voraus, den eigenen Standpunkt immer wieder der Korrektur auszusetzen. Weisheit bedeutet nicht, alle Positionen unterschiedslos gelten zu lassen. Sie besteht vielmehr darin, zwischen ihnen in einen ernsthaften Dialog einzutreten und zu fragen, welche Einsichten sich gegenseitig erweitern können. Gerade dadurch wächst die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge angemessen zu verstehen.

Die Systemtheorie beschreibt diesen Schritt als Übergang vom bloßen Operieren zum Beobachten. Solange ein System ausschließlich seine eigenen Abläufe vollzieht, folgt es seiner inneren Logik, ohne diese selbst zum Gegenstand der Reflexion zu machen. Erst wenn ein Beobachter hinzutritt, entsteht eine neue Ebene des Verstehens. Nun wird nicht mehr nur gehandelt, sondern auch gefragt, wofür gerade auf diese Weise gehandelt wird. Damit verändert sich die Qualität der Erkenntnis grundlegend. Auf den einzelnen Menschen bezogen gilt dieser Gedanke analog. Ein Mensch lebt zunächst wie selbstverständlich innerhalb seiner Gewohnheiten, Überzeugungen und emotionalen Muster. Erst durch Selbstreflexion entsteht jene innere Distanz, die Viktor Frankl als Ausdruck der geistigen Freiheit des Menschen verstand. Der Mensch ist seinen psychischen und sozialen Bedingungen niemals vollständig ausgeliefert. Er vermag sich zu ihnen in Beziehung zu setzen, sie zu prüfen und gegebenenfalls zu überschreiten. Gerade diese Fähigkeit unterscheidet die Person von einem bloß funktionierenden Organismus.

Beide, Existenzanalyse und Systemdenken, gehen davon aus, dass Wirklichkeit nicht allein durch unmittelbares Funktionieren erschlossen werden kann. Es bedarf einer Instanz, die das eigene Handeln beobachtet und bewertet. Frankl spricht von der Freiheit der Stellungnahme, Luhmann von der Beobachtung höherer Ordnung. Beide Konzepte weisen darauf hin, dass Erkenntnis dort beginnt, wo der Mensch nicht mehr ausschließlich innerhalb seiner Routinen lebt, sondern diese selbst zum Gegenstand seines Nachdenkens macht. EIn Mensch, eine Familie, eine Organisation oder eine Gesellschaft können über lange Zeit erfolgreich funktionieren und dennoch Entwicklungen übersehen, die ihre Zukunft gefährden. Erst wenn gelernt wird, die gesetzten Annahmen und Postulate kritisch zu betrachten, entsteht eine höhere Bewusstheit für die Gestaltung auch schwieriger und komplexer Situationen.

Dass sich blinde Flecke niemals vollständig beseitigen lassen, beweist ein besonderes menschliches Phänomen – das Staunen. Wer staunt, zeigt keine Schwäche des Denkens, sondern seine Reife. Wer um die Begrenztheit seiner Perspektive weiß, wird vorsichtiger urteilen, aufmerksamer zuhören und offener für Korrekturen bleiben. Er bleibt staunensfähig.

In der Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit relativiert das Staunen jene Selbstgewissheit, mit der Menschen häufig an ihren Weltbildern festhalten. Angesichts der Begrenztheit des eigenen Lebens verliert der Anspruch auf vollständige Kontrolle an Überzeugungskraft. An seine Stelle tritt die Bereitschaft, sich immer wieder neu befragen zu lassen – durch andere Menschen, durch Krisen, durch das eigene Gewissen und letztlich durch die Sinnmöglichkeiten, die jede konkrete Situation bereithält. Vielleicht liegt gerade darin die tiefste Form der Weisheit: nicht alles sehen zu können und dennoch niemals aufzuhören, den eigenen Blick staunend zu erweitern.

Frankl und die Apokalyptischen Reiter

Als Anfang des 16. Jahrhunderts der junge Albrecht Dürer sein Katastrophenbild der vier Apokalyptischen Reiter ins Holz schnitt, traf er den Zeitgeist einer von Krieg, Seuchen, Knappheit und Tod geschundenen Gesellschaft. Immer wieder und bis heute wird dieses Bild, das im sechsten Kapitel der Johannes-Offenbarung als die Boten des jüngsten Gerichts interpretiert wird, herangezogen, um die je aktuellen Ereignisse in die nicht enden wollenden Schritte hin zum apokalyptischen Untergang von Allem einzuordnen.

Trotz aller Dystopie, die das Zentrum des Bildes auszudrücken scheint, leuchtet doch im Bild oben links sinnbildlich mit den Strahlen der Sonne das auf, worauf von Viktor Frankl mit der ‚Trotzmacht des Geistes‘ hingewiesen wird. Der – in meiner Interpretation – unzerstörbaren geistigen Freiheit, sich so oder so den Bedingungen zu stellen, so schwer sie auch sein mögen.

Frankl geht davon aus, dass der Mensch selbst in größtem Leid eine letzte Freiheit behält: die Freiheit, Stellung zu dem zu beziehen, was ihm widerfährt, und ihm eine, seine Bedeutung zuzuschreiben. Sinn entsteht für ihn nicht durch äußere Umstände, sondern durch die innere Haltung gegenüber ihnen – etwa durch Tapferkeit, Verantwortungsübernahme oder das Bewahren von Würde. Die apokalyptischen Reiter stehen für Situationen, in denen Sinn scheinbar zerstört wird. Frankl hingegen beschreibt eine psychologische und existenzielle Antwort darauf. Gerade in Extremsituationen wird Sinn nicht abgeschafft, sondern kann sich auf nahezu paradoxe Weise verdichten. Leid wird nicht verharmlost, aber als Ort verstanden, an dem Sinn nicht verschwindet, sondern neu gewählt oder gefunden werden kann.

Für Stellungnahmen ist es nie zu spät. Alles andere ist selbstverschuldete Unmündigkeit.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 4

Eine der grundlegenden Herausforderungen menschlicher Existenz besteht darin, dass sich Leben niemals vollständig von außen beschreiben lässt. Naturwissenschaftliche Methoden vermögen biologische Abläufe und neuronale Prozesse mit immer größerer Präzision zu analysieren. Was sie jedoch nicht erfassen können, ist die Erfahrung des Erlebens selbst. Zwischen der objektiven Beschreibung eines Menschen und dem subjektiven Vollzug seines Daseins bleibt eine Differenz bestehen, die sich nicht auflösen lässt. Martin Heidegger hatte dies mit dem Unterschied von psychophysischem Dasein und dem existenziellen Da-sein zum Ausdruck gebracht. Viktor Frankl hat dieses geistige Da-sein als Wille zum Sinn konkretisiert. Ein Wille, der jedes menschliche Leben jederzeit begleitet.

Aus der Perspektive Viktor Frankls verwirklicht sich Sinn niemals in einer abstrakten Zukunft, sondern stets in der konkreten Situation eines gegenwärtigen Augenblicks. Einmal verwirklichter Sinn jedoch vergeht niemals und bleibt unauslöschlich in der Vergangenheit geborgen. Jede Lebenslage stellt daher eine immer wieder einmalige Frage an den Menschen, die nur in diesem einen Moment beantwortet werden kann. Gerade weil kein Augenblick wiederkehrt, besitzt jeder eine unverwechselbare Chance zur Werteverwirklichung. Die Endlichkeit menschlicher Lebenszeit wird so betrachtet zu einer dauerhaften Voraussetzung von Verantwortung.

Jeder Mensch trägt diese Verantwortung in sich. Aber Menschen müssen einander nicht vollständig verstehen, um einander als Verantwortliche begegnen zu können.  Dies reicht soweit, dass ein Mensch in einer Situation einen unbedingten Sinn entdeckt, ein anderer von derselben Situation nicht ergriffen wird. Unterschiedliche Wertesysteme können hierfür als Erklärung herangezogen werden. Hinreichend gemeinsam getragene Werte jedoch können bei mehreren Menschen ein Sinnsystem begründen, verbunden mit einem Gefühl des ‚Wir‘. Ein ‚Wir‘ entsteht dabei nicht dadurch, dass individuelle Unterschiede verschwinden, sondern dadurch, dass Menschen sich trotz womöglich sonst sehr unterschiedlicher Lebensentwürfe  auf eine gemeinsame Verantwortung und Stellungnahme für die Übernahme eines Auftrags ihres Lebens entscheiden.

Diese Überlegung gewinnt besonderes Gewicht angesichts der bis heute ungelösten Frage nach dem Bewusstsein. Die Neurowissenschaft beschreibt mit wachsender Genauigkeit die Aktivitäten des Gehirns. Dennoch bleibt offen, weshalb bestimmte neuronale Prozesse überhaupt von einem subjektiven Erleben begleitet werden. Warum Sinnvolles als genau jetzt unabdingbar zu tun erfühlt wird, lässt sich nicht allein durch die Beschreibung elektrischer Impulse erklären.

Es mutet weise an, auf diese offene Frage weder mit vorschnellen metaphysischen Behauptungen noch mit einem reduktionistischen Materialismus zu antworten. Eine weisere Perspektive akzeptiert vielmehr, dass der Mensch sich selbst niemals vollständig zum Objekt seiner Erkenntnis machen kann. Wer lebt, ist immer zugleich Beobachter und Beteiligter seines eigenen Daseins. Diese doppelte Perspektive verlangt intellektuelle Bescheidenheit und schützt vor der Illusion, das Geheimnis menschlicher Existenz endgültig entschlüsseln zu können.

Auch die Philosophie des 20. Jahrhunderts hat auf diese Spannung aufmerksam gemacht. Martin Heidegger unterschied zwischen der bloßen Beschreibung des Menschen als daseiendem Gegenstand und dem gelebten Dasein, das sich stets auf seine eigene Existenz bezieht. Hinter seinem Konzept einer ‚Seinsvergessenheit‘ steht die Einsicht, dass häufig über alles Mögliche gesprochen wird, ohne die grundlegende Frage nach dem Sinn des eigenen Seins ernsthaft zu stellen.  Der Mensch kann unzählige Informationen über sich im Speziellen und das Leben im Allgemeinen sammeln und doch den Zugang zu seinem eigenen Dasein verlieren.

Aus existenzanalytischer Sicht erhält diese Frage eine konkrete Wendung. Der Sinn des Seins erschließt sich nicht durch abstrakte Spekulationen, sondern im verantwortlichen Vollzug des eigenen Lebens. Jeder Mensch steht vor Aufgaben, die niemand an seiner Stelle übernehmen kann. Gerade darin liegt seine Individualität. Was für den einen sinnvoll ist, muss es für den anderen nicht sein. Sinn ist weder beliebig noch allgemein verfügbar; er ist stets situationsbezogen und verlangt eine persönliche Antwort.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit verleiht dieser Antwort ihre Ernsthaftigkeit. Das Bewusstsein, sterblich zu sein, führt den Menschen unausweichlich auf die Frage zurück, wofür er seine begrenzte Lebenszeit einsetzen will. Erst wenn der Mensch die Unverfügbarkeit seines Lebens akzeptiert, kann er beginnen, es bewusst zu gestalten. Nicht das Verdrängen des Todes macht frei, sondern die Bereitschaft, ihn als Grenze anzuerkennen, innerhalb derer Sinn überhaupt verwirklicht werden kann.

Dass moderne Kulturen den subjektiven Innenraum des Menschen häufig zugunsten objektiver Messbarkeit vernachlässigen, ist daher mehr als ein erkenntnistheoretisches Problem. Es verändert das Menschenbild selbst. Wo nur noch das Messbare zählt, gerät leicht aus dem Blick, was den Menschen als Person ausmacht: seine Fähigkeit, Stellung zu beziehen, Verantwortung zu übernehmen, Liebe zu schenken, Schuld einzugestehen und Sinn zu entdecken. Weisheit erinnert daran, dass sich diese Dimensionen weder berechnen noch technisch erzeugen lassen. Sie entstehen ausschließlich im gelebten Leben – im einzigartigen, unwiederholbaren Augenblick menschlicher Existenz.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 3

Die Frage, ob es möglich ist, anders zu denken als bisher, ist weit mehr als eine intellektuelle Spielerei. Sie entscheidet darüber, ob Menschen und Gesellschaften aus Krisen lernen oder lediglich vertraute Denkmuster wiederholen. Jede Kultur entwickelt Routinen des Wahrnehmens und Urteilens, die dem Einzelnen Orientierung geben. Dieselben Routinen können jedoch verhindern, dass neue Lösungen überhaupt in den Blick geraten. Weisere Menschen beherzigen deshalb ihre Bereitschaft, die eigenen Denkgewohnheiten einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Hilfreich ist dabei eine einfache Frage: Besitzt eine Aussage überhaupt einen erkennbaren Gehalt, oder handelt es sich lediglich um eine wohlklingende Formel?

Aussagen gewinnen erst dann eine Bedeutung, wenn sie einen Unterschied machen, wenn sie eine überprüfbare Perspektive eröffnen oder praktisches Handeln verändern können. Wo hingegen jede denkbare Gegenposition ebenso gut gelten könnte, verliert eine Aussage jegliche Verbindlichkeit. Was weisere Menschen daher eher nicht schätzen, ist Beliebigkeit, die nur deshalb ins Spiel kommt, um einer nicht wegzudiskutierenden Komplexität auszuweichen.  Das gilt auch und gerade in individuellen und gesellschaftlichen Krisenzeiten. Je größer die Verunsicherung, desto größer wird häufig die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen und eindeutigen Schuld-Adressen. Doch die Komplexität menschlicher Wirklichkeit lässt sich nicht durch Parolen abbilden und gestalten. Vielmehr gilt es, eine geduldige Bereitschaft zu zeigen, Zusammenhänge zu verstehen und Verantwortung dort zu übernehmen, wo sie tatsächlich möglich ist. Wer einer Person begegnet, die insbesondere in schwierigen Zeiten über solche Fähigkeiten verfügt, fühlt sich zumeist sicherer. Dennoch verursacht der Begriff der Weisheit immer wieder eine gewisse Portion Skepsis. Vielen erscheint er als Relikt vergangener Zeiten, als Ausdruck weltfremder Spiritualität oder unverbindlicher Lebenskunst. Weisheit wird nicht selten mit Rückzug verwechselt, als gehöre sie ausschließlich in den Bereich persönlicher Meditation und habe für die Gestaltung gesellschaftlicher Wirklichkeit kaum Bedeutung. Diese Einschätzung übersieht jedoch ihren ursprünglichen Charakter.

Historisch war Weisheit niemals bloß kontemplative Selbstbespiegelung. Sie wurde vielmehr verstanden als Verbindung von Einsicht und Verantwortung. Nachdenken über das Leben sollte immer zugleich zu einem angemesseneren Handeln führen. Kontemplation und Praxis bildeten keine Gegensätze, sondern sie waren zwei Seiten derselben Haltung. Erst wer innehalten kann, gewinnt jene Distanz, die verantwortliches Handeln ermöglicht. Heute scheint diese Verbindung vielfach verloren gegangen zu sein. Öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich überwiegend auf das Neue, das Lauteste oder das Empörendste. Nicht selten entscheidet weniger die Tragfähigkeit eines Gedankens als seine Fähigkeit, innerhalb kürzester Zeit Resonanz zu erzeugen. In einer solchen Kultur entsteht leicht der Eindruck, Wahrheit und Bedeutung seien identisch mit Reichweite und Sichtbarkeit. Welch ein tragischer Irrtum. Wer ihn auflösen möchte, für den gewinnt die Frage nach dem verantwortlichen Umgang mit der eigenen Lebenszeit eine existenzielle Bedeutung. Jeder Mensch verfügt nur über eine begrenzte Anzahl von Stunden, Tagen und Jahren. Wem schenkt er seine Aufmerksamkeit? Wofür setzt er seine Kraft ein? Welche Gespräche verdienen seine Zeit, welche seiner Gewohnheiten rauben Lebensenergie und Lebensfreude?

Aus der Perspektive der Existenzanalyse von Viktor Frankl sind solche Fragen Ausdruck einer tieferen Verantwortung gegenüber dem eigenen Leben. Wer sich der Begrenztheit seiner Lebenszeit bewusst bleibt, beginnt zwangsläufig sorgfältiger zu unterscheiden zwischen Dringlichkeit und Wesentlichkeit. Er lernt, Aufmerksamkeit nicht ausschließlich an äußeren Reizen auszurichten, sondern an dem, was seinem Leben Sinn verleiht. Weisheit zeigt sich dann beispielsweise nicht darin, möglichst viele Daten, Informationen, Kontakte oder Likes zu ’sammeln‘, sondern darin, das Wesentliche vom Nebensächlichen zu unterscheiden und der eigenen Endlichkeit entsprechend zu leben. Gerade diese Fähigkeit könnte zu einer der wichtigsten kulturellen Kompetenzen einer Zeit werden, die über unendlich viele Wissensquellen verfügt, aber immer häufiger um Orientierung ringt.

Minderwertig – die Welt scheint es zu brauchen

Unglaublich – es gibt es immer noch, das Empfinden der Minderwertigkeit.

Klar, Menschen vergleichen sich. Ihr Aussehen, ihre Leistungen, ihren Besitz. Das alles kostet Zeit und Energie, insbesondere dann, wenn einem das Ergebnis des Vergleichs nicht gefällt. Nun könnte man ja auch den Weg gehen und die Vergleicherei einfach aufhören. Das wäre dann Ausdruck echter Individualität. Jeder kann damit sofort beginnen. Jeder. Sofort. Kein Ja, aber.

Wer es nicht schafft, geht dafür manchmal sonderbare Wege. Extreme, gesundheitsschädliche oder operative Wege. Nicht selten unkritisch im Netz beworben. Trends sind gerade Mewing und Jawline-Trainings. Das sind spezielle Zungenhaltungen oder Hilfsmittel, die angeblich den Kiefer formen sollen. Oder Selbstinjektionen mit Fillern (Hyaluron/Botox) in alle erdenklichen Körperteile, um etwas länger, dicker, straffer oder glatter werden zu lassen. Operationen sind auch beliebt, für manche gibts gute medizinische Gründe, andere – na ja, Minderwertigkeit eben.

Schon fast täglich und immer beliebt in einer bestimmten Szene ist das Doping. Steroide oder Testosteron für schnelles Muskelwachstum, toll. Und ganz fein ist auch das Bone Smashing.  Eine völlig irrationale und gefährliche Methode, bei der versucht wird, durch leichten bis schweren Druck oder Schläge auf die Gesichtsknochen Mikrofrakturen zu erzeugen, damit diese markanter zusammenwachsen.

Nur damit es hier mal jeder gelesen hat: Das Phänomen der Minderwertigkeitsgefühle ist nicht zu leugnen und das Leid, das sie erzeugen, ist groß und ein guter Grund, mit Vergleicherei aufzuhören. Sofort. Kein Ja, aber.

Alle anderen Wege sind sterbenslangweilig. Alle anderen Wege reduzieren menschliches Leben auf eine monotone, seelenlose Mathematik. Anstatt individueller Entfaltung geht es nur noch um starre Zahlenwerte, endlose Selbstoptimierungs-Pflichten und das stumpfe Abarbeiten eines immergleichen Glaubenssatzes, oft angefeuert durch Internet-Algorithmen von nichtssagenden Web-Gurus mit Influencergehabe.  Das Ergebnis von diesem Mist: Jeder strebt exakt denselben, genormten Typ an – die immergleiche definierte Kieferlinie, den gleichen Blick, dieselben Posen. Fehlender Eigensinn, Kreativität, Humor oder Ecken und Kanten zählen nicht. Alles wird der ultimativen Norm untergeordnet. Wie grottenöde.