Über das Phänomen intellektueller Langeweile im Sozialkontakt

Es gibt eine Form der Einsamkeit, die sich erst in Gesellschaft bemerkbar macht. Man sitzt mit anderen Menschen an einem Tisch. Stimmen sind da, Lachen, Fragen, Antworten. Man tauscht Erlebnisse aus, erzählt von der Arbeit, vom Wochenende, von Filmen, vom Wetter, von anderen Menschen. Es wird gesprochen und doch entsteht in einem selbst der Eindruck, als sei überhaupt nichts gesagt worden. Die Worte bewegen sich zwar zwischen Menschen, aber sie scheinen niemanden wirklich zu erreichen. Man antwortet, weil eine Antwort erwartet wird.

Man fragt zurück, weil das Gespräch diese Form verlangt. Man lächelt an den entsprechenden Stellen. Man erzählt eine kleine Geschichte. Der andere reagiert. Alles funktioniert. Und gerade weil alles funktioniert, kann eine eigentümliche Langeweile entstehen. EIne Langeweile, in der ein Mensch spürt, dass zwischen ihm und den Menschen nichts Wesentliches geschieht. Für den, den das stört, obwohl er bereit ist, mit anderen in eine kommunikative Gegenwärtigkeit mit Breite und Tiefe zu kommen, kann dieser Zustand auf Dauer in etwas führen, was ich eine intellektuelle Langeweile nenne.

Im gewöhnlichen sozialen Kontakt nehmen wir Kommunikation nicht als philosophisches Problem wahr. Wir erleben einen Menschen unmittelbar als jemanden, mit dem wir etwas teilen: einen Raum, eine Tätigkeit, eine Situation – oder eben auch nicht. Und dann beginnt das Spiel des sozialen Austauschs mit Zustimmung, Empörung, Belustigung, Anteilnahme oder anderen Reaktionen. Meist vorhersehbar, wenn man sich einigermaßen kennt. Meist in sozialer Reibungslosigkeit, denn in unserer Gesellschaft herrscht Angst vor und diese Angst lähmt die Überwindung intellektueller Langeweile. Angst, dass die eigene Meinung von anderen nicht geteilt wird. Angst, dass man von anderen nicht gebraucht wird. Angst, dass man nicht über das Wissen verfügt, um wirklich mithalten zu können. Und viele Ängste mehr. Und so hält sich Kommunikation selbst am Leben und die kommunizierenden Menschen bleiben voneinander eigentümlich getrennt.

Klar, der gesellige Small Talk erfüllt eine wichtige soziale Funktion. Er ermöglicht Nähe ohne Risiko. Er schafft Vertrautheit, ohne Intimität zu verlangen. Er erlaubt Menschen, miteinander zu sein, ohne sich einander aussetzen zu müssen. Diese Kommunikation ist verpflichtungsfrei und meist mit flachen Stellungnahmen versehen. Mal bleibt man in seiner Sprechblase mit denen, die teilen, was man sagt. Das befriedigt aufgrund eines Wohlfühlerlebnisses. Mal ist man mit Menschen zusammen, die Interesse signalisieren, ohne tatsächlich interessiert zu sein. Oder die über Persönliches sprechen, ohne persönlich zu werden. Vielleicht sind das Aspekte dafür, dass Gespräche eine seltsame Leere vermitteln können. Zweckdienliche Gespräche zwar, aber letztlich sinnlos. Die eigentliche Qualität dieser existenziellen Form von Langeweile liegt darin, dass sie nicht im Individuum allein lokalisiert werden kann. Sie entsteht vielmehr zwischen einem Menschen, der mit Kommunikation eine andere Werteverwirklichung verbindet als der andere. Dieses Phänomen führt zu einem Resonanzdefizit und zu interessanten Folgeprozessen.

So berichten mir Klienten zum Beispiel, dass sie sich im Zusammensein mit anderen Menschen völlig alleine fühlen können, sich aber geistig sehr lebendig empfinden. Die dann erst zum Ausgleich, dann als Ersatz im Literatur- oder Kunstgenuss die Intensität eines Austauschs wahrnehmen, der im Zwischenmenschlichen einfach nicht entstehen will. Dieser Ersatz ist dann in gewisser Weise zwar gesichtslos, dafür aber inhaltsreich. Ein Inhaltsreichtum, der einen Preis fordert, nämlich den, dass aufgrund dieser wirklichen Inhalte im Zwischenmenschlichen noch weniger Resonanz entsteht, weil immer deutlicher empfunden wird, dass man über das Niveau eines Geredes nicht hinauskommt. Ein Gerede, das dann besonders irritiert, wenn man spürt, dass beim Gesprächspartner etwas vorhanden sein könnte, was einen gemeinsamen präsenten Blick in eine bunte Themenwelt ermöglichen würde. Doch dieser Blick schweift zu schnell wieder weg, denn die Aufmerksamkeitsschwelle, der Zeitdruck, die Gesprächsumgebung, die Erwartungen anderer und vieles mehr, belassen an sich mögliche, robuste Gespräche auf dem Level einer banalen Oberfläche. Was würde geschehen, wenn dieser Mensch für zehn Minuten aufhörte, sozial erwartbar zu sprechen? Was würde erscheinen, wenn er nicht mehr erzählen würde, was er erlebt hat, sondern was ihn wirklich beschäftigt?  Wenn er nicht mehr seine Position verteidigte, sondern das ausspricht, was an sich alle Menschen eint, die Preisgabe seiner Unfertigkeit?

Ohne Überraschung verliert Kommunikation ihre eigentliche Kraft. Denn Denken lebt von der Möglichkeit, dass etwas anders sein könnte als erwartet. Ein wirklich lebendiges Gespräch besitzt deshalb eine gewisse Unkontrollierbarkeit. Wird sie akzeptiert, dann kann es spannend werden und ein Mensch kann das Geistige seines Gesprächspartners erkunden. Womöglich ist dieses Geistige sogar etwas völlig Fremdes. Oder nur etwas Fremdes in einem Maße, dass es dazu anregt, mit dem schon Eigenen in Verbindung gebracht zu werden. Ist das erreicht, dann hat sie an sich keine Chance mehr, die intellektuelle Langeweile.

Was sagt die Wissenschaft dazu? Hartmut Rosas Theorie der Resonanz adressiert die Erfahrungen mit intellektueller Langeweile und beschreibt mit Resonanz und Entfremdung zwei grundlegende Modi menschlicher Weltbeziehung. Resonanz bezeichnet dabei gerade nicht bloße Harmonie, Zustimmung oder angenehme Interaktion. Entscheidend ist vielmehr ein Geschehen, in dem Menschen mit ‚eigener‘ Stimme [Frankl würde hier wohl von Stellungnahme sprechen] antworten und sich dadurch im Verlauf der Gesprächsbeziehung beide Seiten potenziell verändern können. Damit enthält Resonanz enthält ein Moment von Unverfügbarkeit. Intellektuelle Langeweile kann damit als spezifische Resonanzarmut im Modus sozialer Kommunikation verstanden werden.

Das Problem eines als leer erlebten Gesprächs liegt dann nicht darin, dass „nichts Interessantes“ gesagt würde. Auch ein Gespräch über komplexe Themen kann resonanzlos bleiben. Umgekehrt kann ein Gespräch über einen scheinbar trivialen Gegenstand außerordentlich resonant sein. Ziehen wir hier Luhmanns Kommunikationstheorie heran, dann können wir ergänzen, dass Kommunikation nur zustandekommt, wenn die Differenz von Information und Mitteilung verstanden und für Anschlusskommunikation relevant wird.

Entscheidend ist also, ob zwischen den Beteiligten ein Antwortverhältnis entsteht. Entsteht es nicht, dann kann dies als Entfremdung wahrgenommen werden. Auch sie ist eine Weltbeziehung, nur dass sich hier die Beteiligten einander indifferent oder repulsiv gegenüberstehen und innerlich unverbunden bleiben. Es entsteht eine Beziehung der Beziehungslosigkeit. Dieses Phänomen erklärt, weshalb die Erfahrung besonders intensiv sein kann, wenn man selbst eine starke Sehnsucht nach intellektueller Begegnung hat. Man erwartet nicht notwendig Übereinstimmung, sondern Widerhall und Gedanken, die die eigenen berühren, verändern, irritieren oder zurückwerfen. Damit einher geht eine ethische Dimension, da der Wunsch nach geistiger Resonanz nicht in die Erwartung umschlagen darf, andere Menschen müssten sich für die eigenen Resonanzbedürfnisse verfügbar machen. Im Gegenteil: ein soziales System benötigt eine ersehnte geistige Begegnung Einzelner nicht, um weiterzufunktionieren. Es kann auch das Banalste ausreichen, solange sich die Beteiligten eben nicht entfremdet fühlen.

Diese Perspektive steht im EInklang mit Ken Wilbers Integraler Theorie. Sein Zugang ist allerdings wissenschaftstheoretisch anders einzuordnen als die etablierten soziologischen Theorien Luhmanns und Rosas. Wilber ermöglicht uns einen metatheoretischen Syntheseversuch, der Psychologie, Bewusstseinstheorien, Spiritualität, Kulturtheorie und Systemdenken miteinander verbindet. Wilber unterscheidet vier grundlegende Perspektivbereiche: das Ich mit seinem subjektiven Erleben, das Es mit dem beobachtbaren individuellen Verhalten, das Wir als gemeinsam geteilte Bedeutungsräume und das Feld der ‚Sie‘ mit all ihren sozialen und institutionellen Strukturen.

Wilbers Theorie erlaubt mit diesen vier Zugängen die Hypothese zu setzen, dass verschiedene Menschen dieselben Gegenstände aus unterschiedlich komplexen Perspektiven betrachten können. Für die Erfahrung intellektueller Langeweile wäre es deshalb denkbar, dass zwei Menschen nicht an einem Mangel an Themen leiden, sondern an einem Mismatch ihres Umgangs mit Perspektivenkomplexität.  Aber Vorsicht: Wilbers Modelle könnte dazu verführen, intellektuelle Langeweile auf der einen Seite als Beweis dafür zu interpretieren, man selbst befände sich auf einer „höheren“ Bewusstseinsstufe als das Gegenüber. Eine solche Deutung wäre weder logisch zwingend noch phänomenologisch zuverlässig, denn ob ein Gespräch langweilig erscheint, beweist zunächst nur etwas über die subjektive Erfahrung mit dem  Gesprächsgeschehen. Es beweist nicht, dass der andere weniger intelligent ist oder er per se nicht in der Lage ist, in einem Gespräch einer angebotenen Perspektive nicht gedanklich zu folgen.  Vielleicht interessiert ihn lediglich etwas anderes, oder er vertraut dem Gesprächspartner nicht, oder er denkt weniger verbal … Mit Luhmann gesprochen darf appelliert werden zu beachten, dass ein Mensch grundsätzlich nicht über einen unmittelbaren Zugang zum psychischen System des anderen verfügt, auch wenn einem Menschen bewusst wird, dass zwischen ihm und dem anderen in einer spezifischen Situation keine geistige Resonanz entsteht. So betrachtet, ist „langweilig“  keine objektive Eigenschaft eines Gesprächs, vielmehr können wir definieren:  Intellektuelle Langeweile im Sozialkontakt ist die subjektive Erfahrung einer Diskrepanz zwischen sozial gelingender Kommunikation und ausbleibender geistiger Resonanz. Oder anders formuliert könnte man sagen, dass Intellektuelle Langeweile bedeutet, dass Gesprächsbeziehungen fehlen, in denen das eigene Denken auf eine antwortende Fremdheit stößt.

 

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 13

Individuelle Wahrnehmung vermittelt einem Menschen niemals die Welt in ihrer ganzen Fülle, sondern stets nur einen Ausschnitt. Was ein Mensch für die Wirklichkeit hält, ist bereits das Ergebnis einer von ihm zu verantwortenden Auswahl, Perspektive und geistigen Verarbeitung. Weisheit beginnt deshalb mit der Einsicht, dass jede Erkenntnis zugleich Offenbarung und Begrenzung eigener Wahrnehmungsverarbeitungsverantwortung ist.

Ein einfaches Gedankenexperiment macht dies anschaulich. Stellen wir uns einen Körper vor, der sich gleichmäßig auf einer Kreisbahn bewegt. Beobachten wir seine Bewegung unmittelbar, erkennen wir den kreisförmigen Verlauf ohne Schwierigkeiten. Fällt unser Blick jedoch nicht auf den Körper selbst, sondern lediglich auf seinen Schatten, verändert sich das Bild grundlegend. Aus der kreisförmigen Bewegung wird scheinbar ein geradliniges Hin und Her. Nichts an der Wirklichkeit hat sich verändert – verändert hat sich allein die Perspektive, aus der sie betrachtet wird.

Oder nehmen Sie diese Aufgabe. Fragen Sie sich bitte, ob das folgende Dreieck eine obere Ecke hat:

Wenn Sie mit Ja geantwortet haben, dann haben Sie nicht das Dreieck wahrgenommen, sondern ein aus Ihrer Blickposition wahrgenommenes Dreieck. Würden Sie das Bild ausdrucken und an die Decke kleben, dann würde je nach dem, wo Sie im Raum stehen und das Dreieck betrachten, einmal diese, ein anderes Mal jene Ecke die für Sie obere Ecke sein. Das Dreieck selbst hat sich dabei jedoch nicht verändert.

Die scheinbar widersprüchlichen Beobachtungen lösen sich in dem Augenblick auf, in dem also eine weitere Dimension berücksichtigt wird. Was auf einer Ebene unverständlich erscheint, wird aus einer umfassenderen Sichtweise nachvollziehbar. Die Wirklichkeit war von Anfang an dieselbe; unvollständig war lediglich ihre Betrachtung.

Diese Beispiele verweisen auf eine Grundstruktur menschlicher Alltagserkenntnis. Wir neigen dazu, unsere jeweilige Perspektive mit der Wirklichkeit selbst zu identifizieren. Robert Musil sprach in diesem Zusammenhang von einer perspektivischen Verkürzung des Denkens. Gemeint ist jene unvermeidliche Tendenz, die Fülle des Wirklichen in überschaubare Erzählungen, Begriffe und Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu übersetzen. Wir ordnen Ereignisse zeitlich, unterscheiden zwischen Gründen und Folgen, entwickeln Theorien und Modelle. Dadurch entsteht Verständlichkeit. Gleichzeitig verschwindet vieles von dem, was sich dieser Ordnung entzieht.

Gerade hierin liegt eine der bleibenden Versuchungen des Reduktionismus. Immer wieder entsteht die Hoffnung, den Menschen vollständig auf eine einzige Erklärungsebene zurückführen zu können: auf biologische Prozesse, neuronale Aktivität, genetische Programme, soziale Bedingungen oder psychische Mechanismen. Jede dieser Perspektiven trägt zweifellos Wesentliches zum Verständnis des Menschen bei. Keine von ihnen vermag jedoch den Menschen als Person vollständig zu erfassen.

Die Existenzanalyse Viktor Frankls widerspricht einer solchen Reduktion nicht deshalb, weil sie naturwissenschaftliche Erkenntnisse gering schätzen würde. Im Gegenteil: Sie anerkennt ihren hohen Erklärungswert. Sie erinnert jedoch zugleich daran, dass Erklären und Verstehen unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Naturwissenschaft beschreibt Bedingungen. Existenzanalyse fragt nach der Bedeutung, die der Mensch diesen Bedingungen gibt. Zwischen Ursache und Verantwortung bleibt jener geistige Raum bestehen, in dem Freiheit überhaupt erst möglich wird.

Auch die moderne Komplexitätsforschung weist in diese Richtung. Immer deutlicher zeigt sich, dass die Eigenschaften lebendiger Systeme nicht allein aus der Anzahl ihrer Bestandteile hervorgehen, sondern vor allem aus deren Vernetzung. Nicht die Menge der Elemente entscheidet über die Leistungsfähigkeit eines Systems, sondern die Art ihrer Beziehungen. Die Biologie liefert hierfür eindrucksvolle Beispiele. Lange Zeit nahm man an, die Komplexität eines Organismus müsse unmittelbar mit der Zahl seiner Gene zusammenhängen. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms führte jedoch zu einem überraschenden Ergebnis. Der Mensch verfügt keineswegs über außergewöhnlich viele Gene. Manche Pflanzen besitzen sogar deutlich mehr genetische Informationseinheiten. Entscheidend ist vielmehr, wie diese Informationen miteinander kombiniert, reguliert und in unterschiedlichen Zusammenhängen aktiviert werden. Aus vergleichsweise wenigen Bausteinen entsteht durch ihre vielfältige Verknüpfung eine kaum vorstellbare Komplexität. Und obwohl es immer wieder gelingt, in den verschiedenen Komplexitäten wiederkehrende Ordnungen zu erkennen, bleibt doch jede wissenschaftliche Erklärung solcher Ordnungen vorläufig. Die Fortschrittlichkeit von WIssenschaft besteht in ihrer Weisheit, mit Vorläufigkeit umzugehen und sich damit die Möglichkeiten zu bewahren, dass sich hinter dem bereits Erkannten weitere Dimensionen verbergen, die erst durch einen erweiterten Blick sichtbar werden. Das Spannungsfeld zwischen dem bereits Erkannten und dem noch unsicheren Möglichen aushalten zu sollen, bereitet vielen Menschen Unbehagen, dem sie mit diversen psychischen Abwehrmechanismen begegnen – immer irgendwie in der Hoffnung, dass – um im obigen Beispiel zu bleiben – ihr Dreieck stimmt und ebendiese Ecke stets die obere ist.

Etwas offener betrachtet, versteht man schnell, dass sich menschliches Leben bevorzugt in solchen Spannungsfeldern erst entfaltet. Wer jede Unsicherheit, jede andere Ecke, vermeiden will, erstarrt leicht in Gewohnheiten. Wer dagegen jede Ordnung [nicht gleichzusetzen mit Vorhersagbarkeit] aufgibt, wer nicht erkennt, wie und wofür er eine Ecke als seine obere definiert, verliert Orientierung. Weisheit sucht deshalb weder absolute Sicherheit noch grenzenlose Beliebigkeit. Sie bewegt sich bewusst in jenem fruchtbaren Zwischenraum, in dem Neues entstehen kann, ohne dass das bereits Tragende verloren geht.

Selbst dort, wo die einzelnen Bestandteile eines Systems klaren Gesetzmäßigkeiten folgen, bleibt die Entwicklung des Ganzen langfristig offen. Geringfügigste Veränderungen der Ausgangsbedingungen können sich im Laufe der Zeit verstärken und zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führen. Die Zukunft ist deshalb nicht einfach die lineare Fortsetzung der Vergangenheit. Sie enthält Möglichkeiten des Sollen-Könnens, die sich erst im Verlauf des Geschehens entfalten. Das mag nach Entwicklungs-Stress klingen, aber:

Mensch-Sein heißt In-der-Spannung-Stehen zwischen Sein und Sollen, unaufhebbar und unabdingbar! Was wir zu fürchten haben, ist weniger eine Überforderung als vielmehr die Unterforderung des Menschen … wir wissen zur Genüge um die Pathogenität nicht nur von Stress-Situationen, also von Situationen der Belastung, sondern auch von Situationen der Entlastung. [Frankl, V.: Der leidende Mensch, 1946]

Lebensseptile

In unserem Angebot der Individuellen Krisenprävention mit Hilfe des Workbooks up.next für Einzelpersonen und Familien (siehe in der Spalte rechts) betrachten wir Entwicklungszeiträume, die alle Menschen von der Kindheit bis ins Alter durchlaufen. Hierbei stützen wir uns unter anderem auf das Modell der ‚zehn Hebdomaden‘ (zehn Lebens-Jahrsiebte) des griechischen Philosophen Solon, der zu seiner Zeit als einer der großen Weisen Griechenlands galt:

Die ersten sieben Jahre strecken sich von der Geburt bis zur zweiten Zahnung. Mit 14 beginnt der Übergang vom Kind zum Adolenszenten, ein Prozeß, der bis zum 21. Lebensjahre fortsetzt. Zwischen 21 und 28 befindet er in sich in den besten Jahren, zwischen 28 und 35 sollte Heirat und Familiengründen anstehen. In den darauffolgenden sieben Jahren erreicht der Mensch die volle Reife, zwischen 42 und 56 befindet er sich auf der Höhe seiner Schaffenskraft, die in den nächsten sieben Jahren, also in der Zeit bis zum 63. Lebensjahr, etwas abnimmt. Wenn der Mensch das siebzigste Lebensjahr erreicht hat, dann sieht er dem Tod mit Gleichmut entgegen. (vgl. links im Original: Solon, Lebensalter-Elegie).

Natürlich, die Lebensalter-Entwicklung des Menschen hat sich bis heute in unserem Kulturkreis dank medizinischen Fortschritts, die Fähigkeit zur Anpassung an gesellschaftliche Umbrüche oder auch dank weltweit sinkender Armut, besserer Ernährung und höherer Sensibilität für die Erfordernisse des Umwelt- und Klimaschutzes deutlich verändert. In unserem up.next-Konzept wurde dies berücksichtigt.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 12

In den vergangenen Beiträgen wurde Weisheit als eine mehrdimensionale psychische Fähigkeit vorgestellt, die zur Bewältigung oder Lösung komplexer oder unlösbarer Fragen oder Probleme zum Einsatz kommt. Viktor Frankls Logotherapie darf im Kontext existenzieller, zuweilen das Leben völlig in Frage stellender SItuationen, als eben die Therapieform verstanden werden, in der dem Aspekt der Weisheit eine besondere Stellung zukommt. Das bedeutet freilich nicht, dass jeder Logotherapeut als Weisheitslehrer etikettiert werden darf. Anders jedoch als die Therapieformen, deren Kernausrichtung in der Exploration eines ‚Warum ist das heute so?‘ stehen, ist die Logotherapie mit ihrem Fokus auf das ‚Worum hat es Dir trotz allem nun zu gehen?‘ deutlich näher am Anspruch, mit dem Klienten an weiseren Zugängen zur Zukunftsgestaltung zu arbeiten.

Unweise ist nicht derjenige, der wenig weiß, sondern derjenige, der die Grenzen seines Wissens nicht erkennt.

Da nur sehr wenige Lebenssituationen aus sinnorientierter Perspektive als objektiv unlösbar angesehen werden können (zum Beispiel das Problem, wie dem Tode oder einer schweren Schädigung des Lebens bei offensichtlichen Naturkatastrophen oder Unfallgeschehen entgangen werden kann, wenn diese ein individuelles Handeln bereits verunmöglichen), stellen letztlich alle anderen Situationen trotz allem zwischen ihren negativen Reizen und einer psychischen Reaktion wie Wut, Trauer, Kränkung, Angst usw. die Person vor die Möglichkeit geistig zu agieren, anstatt lediglich psychisch zu reagieren. Manche Menschen verbinden diesen Gedanken allzu schnell mit der Vorstellung, in der Logotherapie würde stets mit Kategorien wie Vergebung, Versöhnung oder Trennung gearbeitet und es würden entsprechende Empfehlungen ausgesprochen. Dem ist nicht so. Auch ist es kein Automatismus, mit Klienten im Krisenkontext letztlich an einer Neuorientierung zu arbeiten. Krise, verstanden als crisis = entscheidende Wendung, meint nicht Wendung zum Neuen hin. Vielmehr ist die Wendung zum Wesentlichen hin die sinnzentrierte Arbeitsrichtung, und hierbei steht die (Re-)Vitalisierung von Werten im Vordergrund. Von Werten, die ihrerseits nicht ’neu‘ sein müssen.

Die Arbeit mit den Werten des Klienten und ihren Verwirklichungsräumen stellt in meinem Verständnis der logotherapeutischen Kunst die Grundlage für das eigentliche, weisere Arbeiten dar. Und für diese Arbeit mit Aspekten wie Wertewahrnehmung, Exploration von elterlichen Werteprojektionen, systemische Wertekonflikte, Werteverwirklichungsoptionen, Wirkung von Wertevernachlässigungen usw. usw. gilt es, sich als Logotherapeut profund zu qualifizieren.

Über die Rolle als Sinn- und Wertetherapeut hinaus, wird weiseren Menschen häufig eine große Lebenserfahrung, ein höheres Lebensalter, ein höheres Bildungsniveau, eine ausgeprägtere Intuition, eine robuste Selbstregulation, eigene Resilienz und vieles mehr ‚unterstellt‘. Das alles kann hilfreich sein, nach meinen Beobachtungen im Rahmen meines Weltausschnitts sind dies alles jedoch keine notwendigen Bedingungen. Wenn ich Situationen erinnere, wie weisere Menschen agierten, dann nahm ich beispielsweise diese, nicht summativen, Merkmale wahr:

  • Echtes Interesse an allem, was die von einer kompexen Situationen betroffenen Person(en) über ihren Kontext berichteten, verbunden mit Realitätsklärungen und der Adressierung von Glaubens- und Meinungsbeimischungen (im professionellen Rahmen zum Beispiel adressiert mit den ‚Drei Sieben des Sokrates‘ oder mit systemischeren, auf Unterschiede gerichteten Rückfragen an die Person). Je nach Situation kann auch ein Blick in die Weltanschauungen und das Menschenbild der betroffenen Person einen weiseren Zugang hin zu einem Perspektivenwechsel ermöglichen.
  • Entschleunigung der kognitiven und emotionalen Prozesse der betroffenen Person durch das Angebot, mehr über den bisherigen Umgang mit der Situation lernen zu wollen. Ruhe und Entschärfung durch wohlwollende, nicht-triviale und allmähliche Ausrichtung des Gesprächs auf all das, was durch die Situation nicht belastet wird.
  • Methodische Anleitung zur Perspektivenumkehr. Was nimmt der Klient aus der Sicht derer wahr, die Teil der komplexen Belastungssituation sind – egal in welcher Rolle? Das Ziel ist eine unterschiedsbildende Multiperspektivität zum Zwecke weiserer Entscheidungen.
  • Gesprächsführung mit der Metapher „als stündest du am Seitenrand“ – derart auf die komplexe Situation blickend, dass eine Selbstdistanzierung und -relativierung möglicher wird. Es geht dabei nie um Beschönigung oder Infragestellung der Belastung, vielmehr um die Grundlegung einer Akzeptanz des Geschehens mit dem Fokus auf die ‚gerade jetzt offene Frage: Welche Antwort verlangt diese Situation gerade jetzt von mir?“
  • Einsatz der ‚Systemischen Gesetze‚ mit der Absicht, einen weiseren und tragfähigeren Weg aus der Belastung zu finden. Häufig werden bei der Konfrontation mit diesen Gesetzen Erinnerungen an frühere komplexe Belastungen frei, die zuweilen negative Spuren hinterlassen haben und die mit der aktuellen Situation in Verbindung gebracht werden.
  • Mutiger Einsatz auch provokativer, womöglich auch schmerzhafter Interventionen zum Zwecke der Spiegelung und gegebenfalls lebensdienlicher Musterbrechnungen von Selbstbegrenzungen oder Selbstverzwergungen, die es der Person schwermachen, sich in personaler Freiheit weiterzuentwickeln.
  • Bereits am Anfang an das Ende denken. Tritt über kurz oder lang eine Besserung der Situation ein, kann sanft auf präventive Möglichkeiten der weiteren Lebensweggestaltung hingewiesen werden, da existenzielle Grenzsituationen jederzeit erneut eintreten können.

Nicht jede Krise muss überwunden werden. Manche muss in ihrer Offenheit integriert werden.

Weisheit entsteht nicht erst dort, wo Menschen Antworten gefunden haben, sondern dort, wo sie den Mut entwickeln, den Grenzen ihrer Existenz offen zu begegnen. Die Erfahrung der Endlichkeit verändert den Blick auf nahezu alle Lebensbereiche. Viele Konflikte verlieren ihre scheinbare Größe, während Beziehungen, Verantwortung und gelebte Zeit an Bedeutung gewinnen. Wer seine Endlichkeit nicht verdrängt, sondern in sein Selbstverständnis integriert, entwickelt häufig eine größere Gelassenheit gegenüber Unsicherheit und zugleich eine höhere Sensibilität für das wirklich Wesentliche. Nicht existenzielle Abschiede machen das Leben sinnvoll, sondern die Endlichkeit ruft dazu auf, den über sie hinausreichenden SInn zu entdecken und diesen mit verantwortlichem Handeln zu unterlegen.

Je komplexer die Welt wird, desto weniger Kontrolle ist möglich. Gerade deshalb wächst die Bedeutung des Vertrauens in die persönliche Verantwortung. Vertrauen reduziert Komplexität schlagartig, und kann man der Welt gerade nicht vertrauen, dann zumindest sich selbst.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 11

Wenn wir die Komplexität eines menschlichen Lebens mit den unterschiedlichsten Systemen, in denen es vollzogen wurde und wird verstehen wollen, dann gilt es anzuerkennen, dass es über die Biografie dieses Menschen nie ein zeitloses Wissen gibt, das unabhängig des geschichtlichen Wandels der von ihm belebten Systeme ist. Genau genommen gibt es damit keine Komplexität, sondern nur Komplexitäten. Das macht die Sache nicht einfacher, kann aber zu einem weiseren Umgang mit dem Menschen, seiner Geschichte und seiner aktuellen Situation führen. Befassen wir uns mit einem Menschen – zum Beispiel in einem therapeutischen Kontext – dann sind die Erkenntnisse, die wir über ihn gewinnen können, also niemals vollständig. Immer bleiben blinde Flecke. Erkenntnisse entwickeln sich, erweitern sich, korrigieren sich und bleiben dennoch immer fragmentarisch. Wenn wir das akzeptieren, gehen wir an Komplexität an sich wissenschaftlich heran. Dann versuchen wir, das Ganze durch die Analyse von immer mehr Einzelteilen immer besser erklären zu können. Ein solches Vorgehen kann dem Menschen helfen, sich und seine Entwicklung besser in ein Bild zu bringen. Dennoch kann das Verständnis noch so vieler Bestandteile nicht genügen, um die Person des Menschen zu erfassen. Dieses Phänomen ist in der Logotherapie unter dem Begriff ‚Overdetermination‘ bekannt.

Wer einen Menschen ausschließlich biologisch, psychologisch, sozial oder kulturell beschreibt, erfasst jeweils einen bedeutsamen Ausschnitt seiner Wirklichkeit. Keine dieser Perspektiven ist falsch und keine ist vollständig. Erst ihr Zusammenspiel eröffnet ein Bild, das der Komplexität menschlicher Existenz annähernd gerecht wird. Weise, wer daher seine Sichtweise niemals absolut setzt und unvermeidliche Leerstellen des Wissens mitdenkt. Diese Leerstellen sind kein Makel menschlicher Vernunft, sondern Ausdruck menschlicher Endlichkeit. Endlichkeit ermöglicht es, menschliches Leben zwischen Gewissheit und Offenheit, Wissen und Nichtwissen, Ordnung und Überraschung zu betrachten. Aus dieser Endlichkeit erwachsen damit vielfältige Chancen der Lebensgestaltung, aber nicht nur das. Mit dieser Endlichkeit erwächst auch die Notwendigkeit zur verantwortlichen Stellungnahme trotz aller Komplexität. Wer diese Form der Komplexitätskompetenz aufbauen oder weiterentwickeln will. der schafft sich eine unverzichtbaren Ressource für die eigene Zukunftszeit, denn eines bleibt klar: Die Komplexität der Welt wächst immer schneller als es uns möglich wäre, sie mit noch so schlauen Tools und Techniken zu vereinfachen.

Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 10

Wenn komplexe Systeme sich selbst organisieren, stellt sich die Frage, worauf ihre Entwicklung eigentlich hinausläuft. In der modernen Komplexitätsforschung spricht man in diesem Zusammenhang von Attraktoren. Gemeint sind nicht starre Endpunkte, sondern bevorzugte Zustände oder Muster, zu denen ein dynamisches System immer wieder tendiert. Ein Fluss mag durch unterschiedliche Landschaften verlaufen, Hindernisse umströmen und zeitweise sein Bett verändern – dennoch bewegt sich das Wasser letztlich entlang bestimmter Gefälle. Ähnlich entwickeln auch viele biologische, psychische und soziale Systeme charakteristische Stabilitätsmuster. Sprechen wir mit Menschen in unserer logotherapeutischen Praxis, dann hören wir sehr oft Werte heraus, die durch Krisensituationen ihre einst stabilisierende Wirkung eingebüßt haben. Das Leben erscheint dann zuweilen sogar in seiner Gänze nicht mehr ‚attraktiv‘. Herauszuarbeiten, welche LebensWerte es sind, die als verhaltens- und handlungssteuernde ‚Attraktoren‘ wiederbelebt oder auch zu neuer Entwicklung hingeführt werden können, stellt eine unserer Hauptaufgaben in unserer Logotherapie dar. Zuweilen kommen Menschen zur Erkenntnis, dass sie über mehrere Sets an Werte-Attraktoren verfügen, dabei jedoch nur wenigen von ihnen hinreichend Gelegenheit zur Verwirklichung gegeben haben oder geben.

Besonders aufschlussreich wird dieser Zusammenhang, wenn zu den Werte-Attraktoren die möglichen Unterschiede in den Ausgangsbedingungen zur (Nicht-)Verwirklichung der Werte hinzutreten. Selbst kleine Unterschiede der Bedingungen (Frankl: Der Mensch ist nie frei von Bedingungen, aber stets frei sich so oder so zu ihnen zu stellen) können dann zu sehr unterschiedlichen Entwicklungen führen. Die Komplexitätsforschung spricht hier von Nichtlinearität. Ursache und Wirkung stehen nicht mehr in einem einfachen Verhältnis. Geringfügige Veränderungen können bereits große Folgen haben, ebenso wie massive Eingriffe manchmal erstaunlich wenig bewirken. Wir wissen, dass ein scheinbar unbedeutendes Gespräch, eine Krankheit, ein Verlust, das Lesen eines Buchs, eine unerwartete Begegnung oder ein Moment der Einsicht die Richtung eines Lebens nachhaltig verändern kann. Umgekehrt können zum Beispiel jahrelange Bemühungen, erfolgreicher im Beruf zu werden ohne tiefere Wirkung bleiben. Menschliche Entwicklung verläuft selten geradlinig. Sie ähnelt eher einem komplexen Feld von Möglichkeiten, in dem Entscheidungen, Zufälle, Beziehungen und Sinnbezüge miteinander wechselwirken.

Frankl betont, dass der Mensch zwar Bedingungen unterworfen ist, aber niemals vollständig durch sie determiniert wird. Zwischen Reiz und Reaktion liegt (s)ein Raum der freien Stellungnahme. Die Komplexitätsforschung beschreibt diesen Raum nicht moralisch, sondern dynamisch: Systeme besitzen mehrere mögliche Entwicklungspfade. Die Existenzanalyse ergänzt, dass der Mensch innerhalb dieser Offenheit verantwortlich wählen kann. Freiheit erscheint damit nicht als absolute Unabhängigkeit, sondern als Möglichkeit, den weiteren Verlauf der eigenen Entwicklung mitzugestalten.

Zuweilen entstehen neue Ordnungen besonder spürbar in Phasen der Instabilität. Wenn ein System seine bisherige Stabilität verliert, kann es in einen anderen Zustand übergehen. In der Natur geschieht dies bei physikalischen, chemischen oder biologischen Prozessen; im menschlichen Leben begegnet es uns als Krise. Krisen sind deshalb nicht nur Zusammenbrüche bestehender Ordnungen, sondern auch Übergangszonen, in denen neue Formen von Sinn, Identität und Beziehung entstehen können. In unserer Praxis zeigt sich auch, dass solche Übergangszonen nicht zwingend Krisen bedürfen – im Gegenteil: ein Prozess der Individuellen Krisenprävention kann vergleichbare Effekte bewirken. Die Auseinandersetzung mit Leid, Unsicherheit oder Endlichkeit führt meist bereits zu einer Neuorganisation des Lebens. Die Konfrontation mit der Begrenztheit des Daseins regt dazu an, Prioritäten neu zu ordnen und bisherige Selbstverständlichkeiten zu überprüfen. In der Sprache der Komplexitätsforschung könnte man sagen: Das System gerät in die Nähe eines Übergangs und sucht nach einer neuen, tragfähigeren Ordnung.

Dabei ist Vorsicht vor einem Missverständnis geboten. Selbstorganisation bedeutet nicht, dass sich alles automatisch zum Guten entwickelt. Komplexe Systeme können auch in destruktive Muster geraten. Gesellschaften können sich polarisieren, Beziehungen verhärten, ein einzelner Mensch in Angst, Zynismus oder Resignation gefangen bleiben. Nicht jede neue Stabilität ist also lebensförderlich. Ein weiserer Umgang mit diesem Thema besteht daher darin, stets zu unterscheiden, welche Formen neuer Ordnung sinnerfüllend sind und welche Sinn blockieren. Und Weisheit bedeutet hier nicht, möglichst viele Optionen offen zu halten, sondern die wert-attraktiven Verbindungen zu wählen, also sinnvolle Selektionen vorzunehmen, im Sinne eines: Welche Entscheidungen fördern die weitere Entfaltung des (meines) Lebens?

Niklas Luhmann hat darauf hingewiesen, dass die eigentliche Struktur komplexer Systeme weniger in ihren einzelnen Elementen liegt als in den Beziehungen zwischen ihnen. Dieselben Elemente können je nach ihrer Verknüpfung völlig unterschiedliche Ordnungen hervorbringen. Ein Gehirn ist nicht nur eine Ansammlung von Nervenzellen, eine Gesellschaft nicht nur eine Menge von Menschen, ein Leben nicht nur eine Reihe von Ereignissen. Entscheidend ist das Muster der Beziehungen. Aus Frankls Existenzanalyse lässt sich daraus folgern, dass Sinn nicht isoliert im Inneren des Menschen, sondern in seiner Beziehung zur Welt, zu anderen Menschen, zu Aufgaben, zu seinen Verantwortungsfeldern besteht.

Technophobie oder: nimmt uns die KI wirklich die Arbeit weg?

KI ändert disruptiv unsere Vorstellungen von Arbeit und Arbeitsplatz – diese ‚Weisheit‘, besser ‚Binsenweisheit‘ ist heute ein großes Gesprächsthema, unter anderem auch in der Kirche.

Beispielsweise schreibt Papst Leo XIV in seiner Enzyklika Magnifica Humanitas – Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz:  „Wir können KI nicht als moralisch neutral betrachten. In Wirklichkeit bringt jedes technische Artefakt Entscheidungen und Prioritäten mit sich: was es misst, was es ignoriert, was es optimiert und wie es Menschen und Situationen einstuft. Wenn ein System so konzipiert oder eingesetzt wird, dass es bestimmte Formen von Leben als weniger wertvoll behandelt oder sie ohne Einspruchsmöglichkeit ausschließt, dann ist es nicht ein einfaches Werkzeug, das „gut genutzt“ werden kann: Es führt bereits ein Kriterium ein, das der unveräußerlichen Würde des Menschen entgegensteht. Aus diesem Grund darf sich ethische Urteilskraft nicht darauf beschränken, die Frage zu stellen, ob wir ein bestimmtes System für einen guten oder schlechten Zweck nutzen, sondern es gilt auch zu fragen, wie das System konzipiert ist und welches Bild von Mensch und Gesellschaft in die Daten und Modelle eingeschrieben ist [kursiv durch den Autor], die es leiten.“

Viele Menschen sind besorgt, dass eben nicht transparent genug ist, welche Konzeptionen und Menschenbilder die bestehenden Künstlichen Intelligenzen grundieren, wie die Lernprozesse der KI aussehen, letztlich auch, welche monetären Interessen der KI-Anbieter diesen Lernprozessen zugrundeliegen. Alle diese Sorgen stellen übergeordnet ab auf die Frage einer KI-Ethik und das Potenzial, dass die KI-Anbieter hier Ethik eher als Manipulethik verstehen könnten. Das Interesse, hier quasi einen Blick in den Katalog der Programmcodes zu werfen, ist daher nachvollziehbar. Womöglich wird es aber ‚die‘ KI auch selbst sein, die entlang der Schwächen, Lücken oder Anknüpfungsprobleme an die heutigen Lebenswelten von menschengemachten Ethiken ihre eigene entwirft? Ich schätze, dieses ‚Spiel‘ ist noch längst nicht entschieden, so wenig, wie heute bereits das Spiel der ‚ethischen Regulierung‘ begonnen hat.

Daniel Kokotajlo ist einer der renommiertesten Forscher für die Zukunft der KI. Und für diese Zukunft sieht er schwarz. Mit der von der Techindustrie geplanten Automatisierung der KI-Forschung „überschreitet die Menschheit einen Horizont“, warnt er. „Wir müssen die KI-Entwicklung im Wesentlichen abschalten.“ Quelle: n-tv, 18.9.2026

Viele Akteure – so scheint es – stehen noch am Spielfeldrand und überlegen, wo ihr Platz im Spiel ist und ob sie schon spielen sollten oder dürfen, obwohl ihnen das ‚Regelwerk‘ weitgehend nicht bekannt ist. Anstatt sich mit den technologischen Möglichkeiten zu befassen, die eine funktionale ‚Partnerschaft‘ mit KI bereithält und die auch im privaten Leben weit über das Optimieren von Bildern oder Texten hinausreichen kann, findet in Gesprächen, die ich im Kontext von Psychotherapie oder Coaching führe, weit überdurchschnittlich das Thema Angst statt. Ein Spielball von Maschinen zu werden oder gar – wie die jüngsten apokalyptischen Prophezeiungen von KI-Anbietern vor ihren geplanten und zum Teil abgeblasenen Börsengängen klangen – wohl in den kommenden Monaten von künstlichen Intelligenzen möglicherweise getötet zu werden, stellt dabei die Spitze der Angstpyramide dar. Viel handfester noch zeigt sich Angst, wenn es um die Aussichten auf hinreichende ‚Arbeitsplatzsicherheit‘ geht, einem Begriff, der in der Nachkriegszeit in Westdeutschland bis zur ersten Ölkrise 1973 seine Gültigkeit besaß und sich danach an sich nur auf bestimmte Branchen beziehen ließ. In der ehemaligen DDR gab es bis zur Wiedervereinigung 1990 per Verfassung zwar eine staatliche Garantie auf einen Arbeitsplatz und somit formell absolute Arbeitsplatzsicherheit. Dies war jedoch an eine sozialistische Planwirtschaft gekoppelt, die wirtschaftlich ineffizient war und letztlich zum Zusammenbruch des Systems beitrug.

Sucht man heute mit einer KI-Brille auf der Nase nach einem höheren Maß an Sicherheit, auch morgen noch mit der aufgebauten Qualifikation seinen beruflichen Weg gehen zu können, dann können wir vermutlich davon ausgehen, dass – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – :

  • Alles, was Handwerk ist, weiterhin sicheren Boden hat. Im Handwerksbetrieb wird manche Arbeit von KI unterstützt werden und vielleicht wird auch einmal ein Schreiner-Roboter die Säge bedienen. Die Vielzahl der analogen Arbeitsschritte von der Fertigung bis zur Montage werden jedoch dem Menschen, seinen Augen und Händen, vorbehalten bleiben. Ähnliches gilt für das Baugewerbe, das Gastgewerbe und der Primärsektor der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft.
  • Alles, was individuellen komplexen Erklärungsbedarf besitzt und einen unmittelbaren Kundenkontakt bedingt, wird eine KI nicht abdecken können. Das Phänomen kennen wir ja heute schon. Mancher Avatar auf Webseiten, manche Call-KI am Telefon stößt an ihre Grenzen, sobald der Kunde ein Problem hat, das sich den Algorithmen entzieht.
  • Eher seltene Berufe stellen für eine KI schon deshalb eine Hürde da, weil ihr zu wenige Lerndaten vorliegen, um an das menschliche Kompetenzniveau heranzureichen. Sollten Sie also zum Beispiel mit Golfballtauchen oder mit dem Entschärfen von Weltkriegsbomben Ihr Geld verdienen, dann gehen Sie mal davon aus, dass Ihr Job sicher ist.
  • Alles, was bereits für einen Menschen nicht klassischerweise erlernbar ist, weil es auf Intuition, Forschergeist oder den Umgang mit Unberechenbarkeiten wie zum Beispiel im Notfallkontext ankommt, ist für eine KI zu hoch.
  • Würden Sie einen Vertrag unterschreiben, den eine KI entworfen hat, die zwar alle Paragrafen und früheren Urteile kennt, nicht aber über Rechtsverbindlichkeit und das systemische Wissen der Vertragsbeteiligten verfügt? Sollten Sie mit Nein geantwortet haben, dann ahnen Sie vielleicht schon, welche Berufe oder berufliche Rollen vor KI nicht zittern müssen.
  • Alles, was physische Präsenz, emotionale Co-Regulation und echte menschliche Resonanz erfordert, bleibt unersetzbar. Eine KI kann zwar Therapiesitzungen simulieren oder Pflegeprotokolle optimieren, aber sie kann keine Hand halten, keine echte Trauer mitleiden und keinen Trost spenden. Berufe im Sozialwesen, in der Alten- und Krankenpflege, in der Seelsorge oder im Krisenmanagement leben von der bio-chemischen und emotionalen Verbindung zwischen zwei Menschen. Wo Heilung und Vertrauen durch pure Präsenz entstehen, versagt der Algorithmus.
  • Alles, was auf strategischer Verantwortung und dem Tragen von Konsequenzen beruht, braucht einen Kopf, der dafür geradesteht. Eine KI kann hervorragende Marktanalysen erstellen oder medizinische Diagnosen vorschlagen. Doch am Ende muss ein Mensch die finale Entscheidung treffen – und die moralische, rechtliche sowie finanzielle Verantwortung dafür übernehmen. Ob Manager, Arzt oder Politiker: Wer in der Haftung steht, wenn Dinge schiefgehen, kann nicht durch eine Maschine ersetzt werden. Denn eine KI wird niemals vor Gericht stehen oder ein schlechtes Gewissen haben.

    Das große Zittern ist für viele Menschen wohl eher unbegründet – zumindest für all jene, die sich auf das besinnen, was sie als Menschen ausmacht. Die KI wird nicht den Denker, den Handwerker oder den Heiler ersetzen, sondern den Roboter im Menschen. Sie nimmt uns die stupide, repetitive Datenarbeit ab. Was bleibt, ist ein riesiger Raum für das Analoge, das Empathische, das Intuitive und das Verantwortungsbewusste. Die Frage der Zukunft lautet daher vermutlich nicht: „Ersetzt mich die KI?“, sondern: „Wofür und wie nutze ich die KI, um das, was unter dem Einfluss der neuen Bedingungen steht, sinnvoll zu tun?“ Oder anders: Die Sorge um einen flächendeckenden Jobabbau ist wissenschaftlich nicht belegt. Klar ist aber, KI verändert Jobprofile und geforderte Qualifikationen. Das aber haben berufstätige Menschen immer schon erlebt.

    Nimmt man nun anstatt einer individuellen Perspektive eher eine organisationale ein, dann wird wohl in jedem Unternehmen diskutiert werden, dass KI kein Selbstzweck ist und stets entscheidend ist, wofür sie eingesetzt werden soll, und das sind in aller Regel zuerst die Produktivitätssteigerung und der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit. Daraus folgt, dass nicht die möglichst leistungsfähigste KI das Ziel ist, sondern der betriebswirtschaftlich höchste Nutzen für die Organisation durch Einsatz von KI.Damit sich dieser einstellt, müssen Unternehmen heute mehr denn je den Einsatz dieser Technologie schnell entscheiden. Wer wartet, hat schon Verluste eingefahren, wer open minded an die Sache herangeht und die Prozesse orchestriert, der bewahrt sich seine Marktchancen.

    Kein Unternehmen wird es in seiner KI-Anwendung darauf anlegen, sich durch KI-Missmanagement den Ast abzusägen, auf dem es sitzt. Das heißt, dass das Management Vorkehrungen dafür zu treffen hat, dass der menschliche Umgang mit den Maschinen ein verantwortungsvoller bleibt. Missbrauch, Manipulation und fehlende Kontrolle sind wie bei jeder eingesetzten Technik möglich, Prävention und Gegenmaßnahmen aber auch. Dies gilt auch für den Umgang mit den Ergebnissen, die KI liefert. Deepfakes, individuelle Beeinflussungen und die Gefahr, dass Inhalten geglaubt wird, deren Entstehung oder Manipulation nicht nachvollziehbar sind, bedingen eine Kompetenzentwicklung aller Mitarbeiter in Richtung kritisches Hinterfragen und Ergebniskontrolle.

    Und orchestrieren meint, dass zuerst einmal in einem Unternehmen alle Prozesse standardisiert und Daten profund strukturiert werden müssen. Wer der KI Datenmist anbietet, erhält auch Mist zurück. KI ist keine Glaskugel, und wenn ihr Einsatz scheitert, dann heißt das, dass im Unternehmen großes Nachsitzen erforderlich ist, solange kein exzellentes lernfähiges Material für die KI zur Verfügung steht. Wer diesen Punkt versäumt, erntet von einer KI jede Menge Halluzinationen. Der Treiber für ein solches Vorgehen kann damit nur der CEO des Unternehmens sein. Nur in dieser Rolle gibt es den Blick über alle Einzelbereiche, nur dort kann die Frage beantwortet werden, wie das Unternehmen für die Zukunft aufgestellt sein soll. Wer als CEO über keine systemische KI-Kompetenz verfügt, wird wohl bereits auf kurze Sicht seinen Marktwert einbüßen. Wer auf den weiteren Managementebenen nicht in der Lage ist, seine Prozesse KI-fähig aufzubauen, ebenso. KI ist nicht IT, KI ist der zentrale Teil strategischer Unternehmensprogrammatik und permanenter Entwicklung im Kontext einer lernenden Organisation.

    Wer sein Unternehmen in diese Richtung lenkt, darf nicht euphorisieren. KI darf nicht alles, vielleicht auch nicht alles wissen, denkt man an Innovationen mit ihren Geheimnissen. Und KI braucht Regulierung, also nicht nur Regeln, sondern auch deren Durchsetzung. Die wichtigste Regulierung stellt das Alignment dar, die Frage also, ob die KI-Systeme in Übereinstimmung mit dem sind, was die Menschen in der Organisation eigentlich wollen. Ist das nicht klar, dann können Schäden entstehen, und das an jeder Stelle im Unternehmen und an deren Schnittpunkten zu ihren Peers. Wer solche Schäden mindern will, der wird an ein straffes Monitoring denken. Ein Monitoring, das jedoch nicht zur Knebelung mutiert, denn – siehe oben – wer intern ewig KI-Konzepte diskutiert, verliert Zeit. Also heißt es, Dinge schnell auszuprobieren, bei Misserfolg zu stoppen und bei Erfolg zu skalieren. Damit das gelingt, so meine Vermutung, wird in Deutschland die Idee forciert werden, qualifizierte Open-Source-KI-Modelle dafür einzusetzen, die sehr spezifischen Maschinendaten des breiten Mittelstands in Deutschland für die Entwicklung neuer Geschäftsfelder zu nutzen. Eine solche Offensive des Aufbaus Angewandter KI als Dienstleistungsangebot kann eine Art Industrialisierung 5.0 in Deutschland bewirken. Ein aus meiner Sicht spannender Gedanke, der auch aus der Perspektive kollektiver Krisenprävention fruchtbringend werden kann. Denn, wer in einer Volkswirtschaft weiß, dass es in ihr etwas gibt, was hinreichend unkopierbar ist, der kann die Angst auch um die eigene Zukunft herabregeln. Und dieses Unkopierbare liegt im Wissenschatz der zahllosen mittelständischen Organisationen, der – intelligent gematched und gebündelt – Teil der Vision einer Sozialen und Technologischen Marktwirtschaft werden könnte.

    Wenn eine Brücke einstürzt, dann geht man wohl kaum davon aus, die Brücke habe Schuld. Aus dieser Sicht scheint das Risiko heute größer, dass der Mensch die KI nutzt, um bewusst Schaden anzurichten als dass dies die KI ihrerseits tut. Es gehört zur Krisenprävention, darauf zu achten, wer in concreto ein solcher Mensch sein könnte. Ob zu dieser Identifizierung eine KI wohl hilfreich beitragen könnte?