Wenn wir die Komplexität eines menschlichen Lebens mit den unterschiedlichsten Systemen, in denen es vollzogen wurde und wird verstehen wollen, dann gilt es anzuerkennen, dass es über die Biografie dieses Menschen nie ein zeitloses Wissen gibt, das unabhängig des geschichtlichen Wandels der von ihm belebten Systeme ist. Genau genommen gibt es damit keine Komplexität, sondern nur Komplexitäten. Das macht die Sache nicht einfacher, kann aber zu einem weiseren Umgang mit dem Menschen, seiner Geschichte und seiner aktuellen Situation führen. Befassen wir uns mit einem Menschen – zum Beispiel in einem therapeutischen Kontext – dann sind die Erkenntnisse, die wir über ihn gewinnen können, also niemals vollständig. Immer bleiben blinde Flecke. Erkenntnisse entwickeln sich, erweitern sich, korrigieren sich und bleiben dennoch immer fragmentarisch. Wenn wir das akzeptieren, gehen wir an Komplexität an sich wissenschaftlich heran. Dann versuchen wir, das Ganze durch die Analyse von immer mehr Einzelteilen immer besser erklären zu können. Ein solches Vorgehen kann dem Menschen helfen, sich und seine Entwicklung besser in ein Bild zu bringen. Dennoch kann das Verständnis noch so vieler Bestandteile nicht genügen, um die Person des Menschen zu erfassen. Dieses Phänomen ist in der Logotherapie unter dem Begriff ‚Overdetermination‘ bekannt.
Wer einen Menschen ausschließlich biologisch, psychologisch, sozial oder kulturell beschreibt, erfasst jeweils einen bedeutsamen Ausschnitt seiner Wirklichkeit. Keine dieser Perspektiven ist falsch und keine ist vollständig. Erst ihr Zusammenspiel eröffnet ein Bild, das der Komplexität menschlicher Existenz annähernd gerecht wird. Weise, wer daher seine Sichtweise niemals absolut setzt und unvermeidliche Leerstellen des Wissens mitdenkt. Diese Leerstellen sind kein Makel menschlicher Vernunft, sondern Ausdruck menschlicher Endlichkeit. Endlichkeit ermöglicht es, menschliches Leben zwischen Gewissheit und Offenheit, Wissen und Nichtwissen, Ordnung und Überraschung zu betrachten. Aus dieser Endlichkeit erwachsen damit vielfältige Chancen der Lebensgestaltung, aber nicht nur das. Mit dieser Endlichkeit erwächst auch die Notwendigkeit zur verantwortlichen Stellungnahme trotz aller Komplexität. Wer diese Form der Komplexitätskompetenz aufbauen oder weiterentwickeln will. der schafft sich eine unverzichtbaren Ressource für die eigene Zukunftszeit, denn eines bleibt klar: Die Komplexität der Welt wächst immer schneller als es uns möglich wäre, sie mit noch so schlauen Tools und Techniken zu vereinfachen.






